Gesichter einer Szene No.41

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Ich stehe in Dresden/Strehlen vor der Haustür eines Altbau-Miethauses und klingle. Genauer gesagt, ich klingele an der Klingelanlage und – meine nicht eben leichte Stativtasche geschultert – klingele ich auch via Telefon meinen Gastgeber an. Nichts rührt sich. Ich weiß, dass die da sind! Mein Gastgeber, meine Frau, mein Sohn, die SIND da! Nichts! Nacheinander klingle ich jeden, immer reihum, die smarte Glasplatte wischend, auf deren Telefone an, dazu immer den Finger auf dem Klingelknopf. Die verarschen mich doch, ich weiß, dass die Klingel geht, ich bin vor ein paar Stunden hier durch die Tür – nachdem ich erfolgreich geklingelt habe! Ich stelle mir vor, wie sie oben am Tisch sitzen und gröhlend auf das Telefon zeigen, welches gerade von mir angerufen wird. Sie halten sich die Bäuche vor Lachen, trinken Bier und hören Mucke dabei. Vielleicht ist die Musik einfach zu laut? Oder sie sind auf dem Balkon und rauchen? Nach über 5 Minuten – die mir wie eine Ewigkeit vorkommen, ertönt Scharellis Stimme aus dem Gegensprecher: “wer da?” NA IIICHH!!! hört nun die halbe Straße mit… – wird mir endlich geöffnet: „Was denn los Peter, warum kommst du denn nicht hoch?“ Sie grinsen verdächtig, und beteuern auf dem Balkon gewesen zu sein, ohne ihre Anrufgeräte, und die Musik sei auch zu laut gewesen. Ich bekomme ein Bier aus dem Kühlschrank und es läuft Carnivore. Ich beruhige mich – jetzt müssen wir alle lauthals lachen. Let’s have a party!

Nach dem zweiten Bier mahne ich Scharelli: „Du weißt schon, dass wir heute noch die Fotos für die Serie machen?” Scharelli versucht rumzudrucksen, aber dieses Mal kommt er mir nicht davon, wie Ende 2015. Ich soll schon mal was vorbereiten. Okay, ich habe da auch so eine Idee, das ist etwas tricky. Ich möchte, dass Scharelli auf dem Balkon sitzt, möchte ihn aber nur durch die Tür fotografieren, so dass der ziemlich massive Standfuß seines handgeschmiedeten original englischen Iron-Bed zu erahnen ist. Der Balkon selbst ist nicht sehr groß, sodass ich das Hauptlicht rechts neben ihm (auf dem Foto natürlich nicht sichtbar) postiere, ihn aber nicht direkt anblitze, sondern gegen die Balkonwand vor ihm. Das reflektierende Licht wird dann von der Hauswand auf sein Gesicht reflektiert und von einer Seite ausreichend beleuchtet. Ein zweiter Blitz erhellt dann noch leicht das Zimmer und so passt es.  Ich bitte Scharelli draußen Platz zu nehmen, hocke mich selbst auf das coole Bett, und hoffe nun auf seinen irren Blick. Den gibt es aber nicht auf Bestellung, jedoch sind wir mit den Resultaten dennoch recht schnell zufrieden. Den gewünschte Blick sollte ich später noch fotografieren können 😉 Tja und sonst?

Na wir trafen uns ja zum Musikhören, das setzen wir nun fort, erzählen uns allerlei Anekdoten, brechen nochmal auf, um ums Eck zu gehen und ’ne Pizza zu essen. Wieder zurück, machen wir dann sogar etwas Hausmusik, wobei Max die Akustik Gitarre zupft, Scharelli das Drumpad bearbeitet und ich mich im Singen versuche. Die Version des alten SCRAM Klassikers „Desert Storm“klang recht hübsch, Mad World von Tears for Fears war auch dabei 🙂 Meine Frau filmt diesen Quatsch natürlich, sodass es für’s private Archive …öhm…archiviert ist. Was? NEIN! Das zeigen wir auf keinen Fall! 🙂

Steckbiref:

Scharelli (49) Dipl. Ingenieur (TU)

Fan, Musiker, Vinyl- und Mosaiksammler

Musik muss was in ihm auslösen, sagt Scharelli, mit belangloser Mucke kann er nix anfangen. Extreme Musik (und da reden wir ja nun nicht nur über Metal) kann das. Seine älteren Brüder sorgten bei Scharelli für die umfassende musikalische Grundausbildung, geprägt von Standards wie Sabbath oder Led Zeppelin.

Dann, eines Tages, unser junger Freund mochte um die 16 Jahre alt sein, bekam er beim Hören der Indie Charts auf Rias die Sisters Of Mercy, genauer deren Song „Temple Of Love“, zu hören, was praktisch das Abnabeln in Sachen Musik für ihn bedeutete. Der Song – bei welchem es sich übrigens nicht um den Anfang der Neunziger neu aufgelegten Sisters Song mit Opra Haza handelt, bei dem ich damals auf den Diskotanzflächen abgeschädelt hatte – wurde sogleich mit dem aufnahmefähig bereit stehenden Kassettenrecorder auf Tape gebannt. Scharelli begann nun selbst nach neuer Musik zu suchen und wurde Anfangs vor Allem im Gothic Lager fündig.

Für die Ewigkeit war das natürlich nichts, es gab ja noch so viel mehr zu entdecken. Zum Beispiel Obituary! Zwei seiner Kumpels waren bereits auf diesem Trip und Anfang der Neunziger nahmen sie Scharelli mit, der, in dieser, auf ihre Art ebenso extremen Mucke, wie es damals die Sisters waren, neues Ohrenfutter fand.

Extremer Metal ist, neben den altern Klassikern oder auch Free Jazz, genau das, was Scharelli heute am meisten anhört, wobei er der Black Metal Sparte derzeit am meisten verfallen ist. Interessant ist übrigens auch eine der von ihm betriebenen Arten Platten zu sammeln und an neue Bands zu kommen.

Scharelli folgt dazu zwei, drei kleinen Labels und kauft alle Veröffentlichungen die heraus gebracht werden. Er meint, richtig enttäuscht wurde er dabei noch nicht 🙂

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