Gesichter einer Szene No. 58

Micha auf der Bank sitzend, main artikel-foto

Wir haben Mitte September, und ich weiß, dass ich nicht jeden verdammten Blogpost irgendwie mit dem Wetter beginnen sollte!

Ich machs aber dennoch, weil, naja, es so ein geiles Gefühl war, nach Monaten mal wieder die gute alte Lederjacke überzuziehen. Nicht, dass ich ich sie wirklich gebraucht hätte: Rein ins Auto, nach Hütte rüber fahren, raus aus dem Auto, rein in den Club der Gasoliner-Biker. Wozu braucht man da schon eine Lederjacke?

Na weil es eben fetzt 🙂

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal hier war, das muss auf der gemeinsamen Tour von SCRAM mit Damned Division gewesen sein…im Oktober 2005. Ein wenig länger kenne ich Micha nun schon, ganz aus den Augen haben wir uns nie verloren, und beim letzten Pestbaracken Scharmützel fragte ich ihn dann schließlich, ob er nicht auch in der Serie mitmachen möchte. Er mochte.

Micha und seine Flamme erwarten mich im Clubhaus, ich bekomme einen frisch gebrühten Kaffee und wir lassen die Jahre Revue passieren, dabei geht’s vornehmlich um Musik, um Veranstaltungen, und wie es sich damit in unseren Heimatstädten am äußersten östlichen Rand der Republik leben lässt.

Ich setze zum Fotografieren an. Wir gehen nochmal durch den Club – vielleicht ist ja irgendwo eine Ecke, die besonders prädestiniert ist. Im damaligem Backstage findet sich dann , neben zahllosen anderen, auch der Schriftzug von Damned Division an der Wand, welcher mich grinsen lässt.

Eisenhüttenstadt Gasoline Live 2005, backstage

Eisenhüttenstadt Gasoline Live 2005, backstage

Der große Tisch im Barraum wird es dann aber dennoch, zumal mir auch das große Schild an der Wand gut gefällt, und es prima als Bindeglied zu Michas bisherigem Leben dienen soll. Denn so ganz ohne Grund haben wir uns hier natürlich nicht getroffen 😉

Ich habe dann meine Fotos und Michas Geschichte, die beiden wollen heute noch auf eine MC Party nach Frankfurt/Oder, und so trennen sich unsere Wege.

Ein baldiges Wiedersehen gibt es dieses Jahr auf jeden Fall noch: Beim Neiße Metal Meeting und der nächsten Pestbarackenparty.

Ach, und… mit Micha habe ich nun jemanden gefunden, der sich bereit erklärt hat, mir beim Layout für ein Buch zur Serie zu helfen. Damit stehen nun, mit Dirk – welcher Druck-Fachmann ist – die Chancen wirklich gut, dass das Fotoprojekt auch zum Buchprojekt wird.

Zufrieden schmeiße ich mir meine Lederjacke wieder über, wuchte den Fototrolley in den Fond des Wagens, schließe die Klappe… gut die schließt jetzt nicht gleich, wahrscheinlich habe ich den Koffer nicht weit genug rein geschoben.

Nach drei Minuten wird klar, das Schloss hat so eben seinen Dienst quittiert. Bevor ich mit einer halben Stunde Verspätung nach Hause fahren kann, habe ich:

  • durch Knallen, Drücken und Fluchen versucht, die Heckklappe zu schließen
  • aus Hoffnung – oder war es Verzweiflung – zwanzig Mal auf die Fernbedienung gedrückt
  • bis zur Hüfte durch die hintere Tür im Kofferraum gesteckt
  • irgendwann die Lederjacke ausgezogen
  • einen Kabelbinder gefunden um festzustellen, dass er mir nicht helfen kann
  • einen Zurrgurt, welcher das Bordwerkzeug fixiert auf abenteuerliche Weise so mit der Heckklappe verbunden, dass sie tatsächlich relativ fest wurde…

Um genervt – mich aber schon auf ein sonnabendliches Pils freuend – die neue „The Hirsch Effekt“ CD lauter drehend endlich auf dem Wege zu sein…

Micha mit seiner Frau auf der Bank

Steckbrief:

Micha (51) Mediengestalter

Fan, Konzertorganisator, Member Headstrong MC Eisenhüttenstadt

Ein Metalfan, geboren in der Stadt der Stahlarbeiter. Klingt konstruiert? Mit Nichten, auch wenn das DDR Kultalbum „Live im Stahlwerk“ von Formel Eins nicht in Eisenhüttenstadt aufgenommen wurde, sondern im Stahlwerk Hennigsdorf (wir wissen, was sich schöner gelesen hätte 😉 )

In den siebziger Jahren, als die populäre Beatmusik mit Bands wie Smokie oder The Rubetts die Hitparaden anführten, hatte Micha oft die Erlaubnis seines großen Bruders, an dessen selbst zusammengeschraubten Kassettenrecorder Musik zu hören. Begeistert, vor allem auch durch die vielen Knöppe, die das Ding hatte, legte er Kassette um Kassette ein, bis…

Bis eine unheimlich krasse Frauenstimme sein Gehör erreichte, der sofort seine ungeteilte Aufmerksamkeit galt: Suzi Quatro.

Die kleine Amerikanerin fuhr einen durchaus harten Stil, der in jenen Jahren nicht unbedingt ins Frauenbild passte, gekleidet in Leder und LAUT!

Das war Michas Startschuss für seine Musik – harte Musik, die ihn nie wieder los gelassen hat. Zu seinen damaligen Faves gesellten sich die unvermeidlichen Led Zep, die Scorpions und Motörhead.

Micha tradete Kassetten und an den Wochenenden gigs ins Clubhaus der Gewerkschaft um die friedliche Koexistenz zwischen den Bluesern und Metallern zu begießen. Die lachten, wenn die Metaller gebangt haben, die Metaller hielten sich die Bäuche wenn die Typen in den Klettis über die Tanzfläche schlürften…und doch saß auf der anderen Seite sein Mädel, mit der er noch heute zusammen ist.

In den Neunzigern lebte Micha den frischen Wind der krassen Umwälzungen, mehr Musik, mehr Konzerte, endlich mehr als immer nur MCB und  Hartholz, Anthrax wurden zu einem Dauerbrenner bei ihm, derweil seine Heimatstadt begann auszubluten.

Um denen, die geblieben waren, in Sachen Metal eine Heimat zu bieten, fingen die Gasoline Bikers – denen er mittlerweile angehörte – an, Konzerte zu organisieren. Unzählige Bands holten die Jungs  so auf die kleine Clubbühne und bereicherten das kulturelle Leben in „Steeltown“.

Micha auf der Bank sitzend, Blick abgewand

Micha auf der Bank sitzend

One Comment

  1. Antworten
    HF September 30, 2017

    Der Mann in schwarz, der Lebenslauf bunt!

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