Gesichter einer Szene No. 53

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Die Temperaturen an diesem ersten Sonnabend im April sind äußerst angenehm, um die 24-25°C sind es in der Sonne, als ich mich nachmittags auf den Weg nach Cottbus aufmache, um mich mit Ingo zu treffen. Im Prinzip kennen wir uns schon ziemlich lange, bisher vielleicht nicht sonderlich gut, was sich heute ändern könnte. Damals lernte ich ihn mit Spitznamen „Vorhaut“ kennen, als er mit anderen Cottbussern Ende der 80er, Anfang der 90er, immer mal bei ein paar Partys im Kreise Gleichgesinnter bei uns in Guben auftauchte. Dann verloren wir uns aus den Augen.

Irgendwann meinte ich ihn unter den Besuchern im Muggefug ausgemacht zu haben, war’ mir aber nicht sicher. Dann, bei den Frostfeuernächten, fasste ich mir ein Herz und sprach Ingo an, um festzustellen: jepp, war der richtige Mann. Ich konnte ihn schließlich für mein Projekt begeistern, und so vereinbarten wir einen Fototermin.

Ich parke mein Auto etwas ums Eck, und trolle mich mit Foto-Trolley im Schlepp zum Hauseingang…okay, ich renne dran vorbei, werde aber von Ingo am Fenster zurückgepfiffen 😉 Der bietet mir erst mal ein Bier an, was ich ob der trockenen Kehle gern annehme, wir kommen am Küchentisch ins Plaudern: über alte Zeiten, die leidliche Arbeit und natürlich die Szene. Ingo schlägt mir vor, sein Foto mit seiner Ural zu machen, eine tolle Idee, zumal er noch mit einer Rundfahrt lockt. So verfrachten wir alles notwendige wie Foto-Kram, Helme, und zwei Bier in seinen Transporter, und ab geht’s an den Rand der Stadt bei Kolkwitz, wo er auf einer schlichten Parzelle eine kleine Garage stehen hat, darin der sowjetische Gespannhobel mit stolzem ’57er Baujahr. Einige wissen sicherlich, dass ich auch einen Ofen bewege, und so ist das Schrauben am Zweirad beherrschendes Thema der nächsten halben Stunde. Das Krad – welches übrigens über einen Rückwärtsgang verfügt! – wird nun aus der Garage geschoben, Ingo versorgt es andächtig mit etwas frischem Öl und alsbald tritt er den Kicker. Beim dritten Mal kommt der BMW Boxernachbau in Schwung. Behelmt mit DDR-Fallschirmspringer-Schüsseln – ich im Beiboot und zusätzlicher riesiger gelbgetönten Schutzbrille – zieht die Fuhre rumpelnd los…was für ein Spaß!

Wir wollen einen Abstecher zur Koselmühle machen, die Fahrt dauert vielleicht knapp 20 Minuten, der Beiwagen ist recht gemütlich, es riecht nach Motöröl und Frühling. Angekommen, organisiert Ingo zwei kleine Pilsener. Wir sitzen kaum, als uns ein Typ, der mit seiner Freundin dort Kaffee trinkt, zu einem Foto nötigt. Er wäre auch gern so ungezwungen, hätte gern einen langen Bart und ne Lederjacke und hasse seinen Bürojob. Hm…der muss echt denken, Typen wie wir fahren die ganze Woche nur mit dem Ofen rum, trinken Bier und müssen natürlich nicht arbeiten gehen… Vorurteile wieder erfüllt, setzen 😉 Keine fünf Minuten später kommt ein vielleicht 17 Jähriger an den Tisch und hätte gern von Ingo gewusst, wie lange es dauert, bis man so eine Matte bekommt… okay, hier bin ich raus 😉

Unbehelligt düsen wir zurück zum Garten, mit ein paar Umwegen, wobei Ingo immer laut zu mir runter rufend erzählt, was für einen Schabernack er hier und da als Kind und Jugendlicher in der Kolkwitzer Hood getrieben hat 😉

Die treue Ural verschwindet hernach in ihrer Behausung und wir schicken uns an, das kaltgestellte Pils aus dem Fließ zu fischen um noch zu klären, wie Ingo zum Metal gekommen ist. Klar, dass wir alsbald abschweifen und so reden wir, am ruhig ziehendem Gewässer sitzend, noch eine ganze Weile über Dies und Das und Jenes. Die Sonne nähert sich nun langsam dem Horizont, als ich mich auf dem Parkplatz von Ingo verabschiede. Natürlich nicht, ohne die Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen. Denn wir haben uns, so glaube ich, in den letzten Stunden doch gut kennen- und schätzen gelernt.

Und zu erzählen gibt es noch allerhand…

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Steckbrief:

Ingo – aka Vorhaut (49) Schlosser

Fan, Mit-Organisator, Maultrommelspieler

Ingos Einstieg in die Welt des Heavy Metal geht auf eine Zeit zurück, in der es im Osten der Republik noch ein einheitliches Bildungssystem gab. Und auch wenn die Schule für vierzehn-, fünfzehnjährige nicht eben der aufregendste Ort der Welt war, so finden sich hier schon erste Spuren von Ingos Werdegang als Metal Fan. Es gab nämlich die beliebten Schuldiscos. Veranstaltungen, die sowohl klassenintern, als auch klassenübergreifend für Bespaßung und Beschallung sorgten. Den Lehrern oblag es dabei, immer darauf zu achten, die 60/40 Regel einzuhalten (60% Ost-Musik zu 40% dekadenter Westmucke).

Das wäre Ingo und seinen Kumpels soweit egal gewesen, wenn es nur Metal war…und das war es aber eben leider nicht in Gänze. Bis es soweit war, galt es also den aktuellen Popschmalz zu ertragen, um dann endlich ein paar Songs der Scorpions oder AC/DC zu feiern. Einige seiner Zeitgenossen hatten so gute Beziehungen, dass sie auch schon mal die eine oder andere Platte der eben genannten auftrieben – auch Motörhead und Dio oder Ozzy waren dann bald dabei – und so fieberte man neben den Schuldiscos auch dem letzten Schultag vor den Ferien entgegen. An jenen Tagen durften sich die Schüler im Musikunterricht mitgebrachte Musik wünschen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, was Ingo und Konsorten – in den nicht gern gesehenen West-Einkaufstüten – mit in die Schule brachten…

Der Metal war aufregend und laut, und auch in der Lehrzeit fanden sich neue Mitstreiter. Mütter nähten Lederhosen aus Kunstleder (welches ursprünglich für das Beziehen von Möbeln benutzt wurde) und an den Wochenenden wurden Konzerte in der Umgebung besucht (so sie denn stattfanden). Beliebtes Ziel war hier gern der berüchtigte „Schwarze Adler“, eine Kneipe in Kolkwitz, in welche Ingo mit seinen Freunden gern einzog. Die gern Blasen schlagenden „Leder“hosen mussten nach so einem Metal-Weekend dann mit Kitti-Fix wieder geklebt werden 😉

Heute hört Ingo am liebsten Pagan Metal, engagiert sich bei Metal-Veranstaltungen in der Region, und fährt gern mit seiner Ural durch die Gegend. Wenn ihr ihn mal treffen wollt, haltet bei diversen Festivals mal Ausschau nach seinem Met-Stand 🙂

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