Gesichter einer Szene No. 56

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Nee, warte mal, wann? Der hat sich bestimmt verschrieben, Sonnabend 10 Uhr? Ich schreibe also nochmal fragend zurück und Reini antwortet sogleich: „Gibt auch Kaffee!“ Kein Joke, nix verschrieben, die nackte Realität!

Zweifellos wird das einer der frühesten Fototermine die ich je hatte, sieht man mal von ein paar „Gettting Ready“ auf Hochzeiten oder einem Sonnenaufgang an der Ostsee ab…aber für Gesichter einer Szene? Ein Unikum 😉

Ich stehe also noch eine halbe Stunde früher als sonst am Samstag auf, um nach der Morgentoilette direkt nach Cottbus zu fahren.

Die Eingangstür des Wohnblocks steht offen, als ich mich anschicke zu klingeln, kommt Reini gerade die Treppe aus dem Keller hoch, zuckt lächelnd mit den Achseln und meint – „Wäschewaschen – is halt so, wenn man auf Montage is“.

Reini wohnt parterre und so sind wir auch gleich in seiner Küche. „Kaffee?“, na klar, „ich hab aber nur Löslichen!?“, och, das is mir egal, Hauptsache Kaffee – das wäre jetzt zu Hause auch meine Zeit, denke ich 🙂

Mit den Kaffeetassen setzen wir uns beide vor das Haus auf eine Parkbank, wir fangen an zu plaudern: Was macht Reinis Band, was gibt’s Neues in der Szene? Allerdings wird schnell klar, Sonnenkinder sind wir nicht. Im direkten Lichte des Zentralgestirns wird es uns echt zu warm, weshalb wir auf das Sofa ins Wohnzimmer wechseln. Außerdem: Hier läuft schon Mucke!

Reinis Geschichte ist zeitlich der meinen ähnlich, sieht man mal davon ab, dass er ohne größere Umwege zum Metal Fan wurde. Und während wir so reden, legt Reini eine neue Scheibe ein, die ich als Mekong Delta identifiziere, womit wir quasi in den späten 80ern angelangt sind. Die Stories, die mein Gegenüber zum Besten gibt, sind nicht nur unterhaltsam, sie zeigen auch gemeinsame Schnittmengen und eine ähnliche Art zu ticken. Es ist schon etwas eigenartig, da sitzen zwei Metal Fans nach 10 Uhr morgens zusammen, und labern so angeregt Musik, dass man meinen könnte, die haben eine Nacht durchgemacht, weil sie noch nicht fertig sind Mucke zu labern 🙂

Eine seiner Geschichten zu illustrieren, muss Reini nun Celtic Frost‘s „Danse Macabre“ in den Player schieben. Ich fand das Erzählte so geil, dass ich sie hier wiedergeben möchte:

Reini – damals Lehrling – hat an einem Wochenende, aus Gründen, heimlich im Internat übernachtet. Allein. Manns genug, packt er sich in seinen Stern Recorder zum Einpennen die „Morbid Tales“ Kassette von eben Celtic Frost, was solange gut geht, bis gegen Ende der Scheibe „Danse Macabre“ beginnt. Dieses, in der Tat sehr unheimlich wirkende Stück, mit Tom Warriors, wie aus der Gruft klingenden Lauten (Gesang ist das nicht!) lässt Reini alles andere als Pennen. Im Gegenteil. Er bekommt , völlig allein in dem Gebäude, einen gehörigen Schrecken, der ihn nötigt, wider besseren Wissens das Licht anzuschalten, womit letztlich seine „Tarnung“ aufgeflogen ist, da man selbiges auch gegenüber in der Polizeiwache bemerkte 😉

Als Reini das erzählt hat, läuft der Song noch ein kurze Weile und wir bekommen – ohne Quatsch! – Gänsehaut auf unseren Armen, total abgefahren! 🙂

Fotografiert haben wir natürlich auch, obschon in mir das Gefühl aufkam, wegen etwas ganz Anderem hier gewesen zu sein, entsprechend herzlich verabschieden wir uns.

Meinem nächsten Termin gebe ich noch Bescheid, dass ich mich um Einiges verspäten werde und reise weiter…doch dazu später mehr.

 

gesichter einer szene - reini

 

Steckbrief:

Reini (48) Bauleiter

Fan, Musiker

Mit sechs Jahren beginnt der junge, musikinteressierte Reini mit dem Erlernen der klassischen Gitarre, dazu fährt er wöchentlich nach Cottbus in die Musikschule. Da nach dem Unterricht immer noch etwas Zeit war, bis der Bus fuhr, nahm ihn sein Lehrer auf zwei Stunden mit in die gegenüberliegende Kneipe. In der„Grubenlampe“ begleitete er sodann seinen Lehrer, welcher am Klavier sitzt, auf der Gitarre bei ein paar zeitgenössischen Stücken. Als Lohn winkt `ne Bockwurscht und eine rote Brause 🙂

Reini liebt Musik. Kommt er Dienstag aus der Schule, hörte er sich erst mal die vom Vater auf dem ZK147 im Westradio mitgeschnittene Sendung „Schlager der Woche“ von Lord Knut an – immer darauf bedacht, das Band wieder auf den alten Zählerstand zurück zu spulen, damit Vadda nich meckert, dass er das Gerät benutzt. Hören ja, aber die Technik selbst bedienen – nein! 🙂

Durch die Sendung bekam Reini sehr schnell einen guten Überblick über alles, was es an angesagter Mucke gab, und da reden wir nicht unbedingt von Schlager. Vielmehr bot Lord Knut viele richtig geile Sachen dar, angefangen vom Rock, Hard Rock, bis hin zu den ersten Metal Songs, die heute allesamt Klassiker sind.

Reini bemerkt hier schon, in welche Richtung es ihn am meisten zieht. Um dem Ausdruck zu verleihen, schreibt er alsbald mit Kuli „Led Zeppelin“ auf seinen Schulranzen. Diese Offenbarung bleibt bei einem zwei Jahren älteren Mitschüler nicht unbemerkt. „Bloody“ – welcher später „Morbid Records“ gründen wird – und Reini werden Freunde, und leben ihre Passion zum Heavy Metal ab diesem Zeitpunkt meist gemeinsam aus. Bloody hat bereits etliche Langspielplatten angesagter Bands, und Reini wird von ihm in den Kreis der Spremberger/Cottbuser Metalfans eingeführt und beginnt Tapes zu traden und Konzerte zu besuchen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Reini diese Musik auch selbst spielen würde, erste zaghafte Schulbandaktivitäten gehen zwar noch nicht in die gewünschte Richtung, ebnen aber den Weg, der Anfang der 90er zum Einstieg bei Enslaved führt, welche bekanntlich in KILLING SPREE mündeten.

Damit einher ging der Wechsel von der Gitarre zur Bassgitarre…und das hat er bis heute nie bereut.

spielte bei Enslaved (D)

spielt Bass bei Killing Spree

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