Bei Silly im Haus Auensee zu Leipzig

ein Blick zurück…

Vor etwas über einem Jahr kündigte Silly – eine Band, deren Kultstatus ohne Zweifel zu einem großem Teil aus einer Zeit hervorgeht, die seit 30 Jahren Geschichte ist – eine Tour an, die jedes ihrer bisher erschienenen Alben in einer Stadt präsentieren sollte.
Silly war in der Zone (also in der ehemaligen DDR) wohl so ziemlich jedem bekannt, der sich irgendwie mit Rockmusik beschäftige, an Mont Klamott kam quasi niemand vorbei. Ich fand die Scheibe echt gut, obschon ich in jener Zeit gerade an meinem „Übergang“ vom Popper zum Heavy Metal Fan feilte.


Weitere Stationen, in denen mich das Treiben der Band beeindruckte, waren freilich Bataillon d’Amour und vor allem der Dokufilm „flüstern und SCHREIEN“ von 1988, welcher Silly auf eigenartige Weise, als Band auf dem ostdeutschen Rockolymp, zusammen mit anderen Bands eine Plattform gab, die eher subversiver Natur waren, was mich um so mehr ansprach.

ein plattencover der band silly, abgebildet vor einem sich drehenden plattenspieler

„Februar“, jenes Album, welches in Leipzig auf dem Spielplan stand, und für welches ich mich entschied, Karten zu kaufen, erschien 1989. Damals empfanden wir vieles als chaotisch, unvorhersehbar, aber auch musikalisch wild. Ich bekam von „Februar“ damals nicht viel mit, dafür aber von etlichen Highlights aus der Thrash Metal Szene dieser Zeit, was letztlich zum Besuch des „Thrashing East“ Konzertes in der Werner Seelenbinder Halle 1990 in Berlin mündete. Wenn man so möchte, dem letzten möglichen Meilenstein als DDR-Metal Fan, dann war ja Schicht im Schacht.

Es dauerte also einige Zeit, bis jenes Album bei mir angekommen war, dann jedoch mit voller Wucht, sehe ich es doch als das musikalisch härteste und textlich reifste Album von Silly an, davon wollte ich in Leipzig partizipieren.

über Land…

Es ist Sonnabend Ende November, ich starte mit meiner J. im Restlicht des Nachmittags. Von der deutsch-polnischen Grenze werden wir drei Stunden über ausgebaute Landstraßen bis Leipzig fahren. J. macht sich ein Radler auf und wir lassen uns von Riverside und Steven Wilson musikalisch unterhalten. Ich kenne die Strecke bis Torgau von unseren Besuchen beim „In Flammen Openair“, allerdings bei Tageslicht. Die Dämmerung setzt rasch ein und einzig die schmallippige Sichel des Mondes wird fortan unser steter Begleiter am westlichen Firmament bleiben.

Leipzig ist nicht Berlin, der Verkehr ist normal und so kommen wir ohne Umschweife durch die Stadt zum Haus Auensee. Den Parkplatz lasse ich rechts liegen, die Gebühr dafür scheint uns in Bier sinnvoller angelegt. Nach dem Passieren des Veranstaltungsortes rollen wir noch ein paar hundert Meter weiter und kommen im Halbdunkel zum Stehen.

voder- und rückseite der silly eintrittskarten mit für leipzig haus auensee

Hier warten wir noch auf unseren Sohn Max und machen uns auf den kurzen Fußweg zum Venue, derweil er uns von seinem Kontrastprogramm am gestrigen Freitag in Chemnitz berichtet. Er besuchte mit Freunden die Ami-Thrasher MUNICIPAL WASTE und andere Bands, die ich mit meiner Liebsten dann am 13.12 in Cottbus sehen werde. Aber wer sagt, dass wir bei Silly nicht Headbangen werden? 🙂
So sind auch Silly ein Thema und es werden Gedanken ausgetauscht, wie es wohl werden würde, wobei Max freilich schon einige YT-Videos der vier vorangegangenen Konzerte angesehen hatte, um seine Neugier zu stillen.

im Haus…

Vor dem Haus Auensee steht noch immer eine beängstigende Schlange am Einlass, und es ist schon dreiviertel acht! Wir reihen uns ein und dann geht es auf einmal sehr schnell, keine drei Minuten später sind wir durch die Kontrolle. Naja, nicht ganz, denn ich habe zwar meine eigene Karte, aber eben nicht den Fotopass, welcher legitimiert, die dicke Kamera mit reinzunehmen. Der soll an der Kasse liegen, die ich bisher nirgends ausmachen konnte. Ich muss also nochmal durch die Absperrung nach draußen, dort auf rechter Seite ist auch das Fenster zu diesem Zweck, von links kommend fast nicht zu sehen. Ich rätsle nun mit den beiden jungen Männern, wie ich wohl heute heißen möge und sie finden einen Popper Peter auf der Liste, was wohl am besten passt. Mit einem Schmunzeln und dem Hinweis „Drei Songs, ohne Blitz“ reichen sie mir den Aufkleber und ich verschwinde in Richtung Vorplatz vom Auensee, wo meine zwei Mitstreiter schon mit einer Gerstenkaltschale auf mich warten.

eingangsbereich am haus auensee bei nacht, ein blauer schriftzug über dem portal

Jetzt ist es wirklich höchste Eisenbahn, derart ausgestattet betreten wir den Saal, suchen und finden unsere Plätze. Die in immer kürzeren Abständen erschallenden Gongtöne, künden vom baldigen und pünktlichen Beginn des Konzerts, im Saal wird’s finster und ich schleiche mit aufgesetzter Kapuze vor die Bühne und ducke ab…

das Konzert Pt.1

Auf dem Backscreen bei noch leerer Bühne, erscheint ein hochkant Video in Schwarz/Weiß. Es zeigt Jackie, der hier seine Erinnerungen an die letzten Tage mit Tamara (Danz) teilt, er endet mit dem Zitat ihrer Bitte: „…wenn ich sterbe, lasst nicht auch noch Silly sterben.“

silly live in leipzig

Das dürfte gleich am Anfang vielen eine Gänsehaut verschafft haben, während zu den Keyboardtönen von „Unter‘m Asphalt“ die Band auf der Bildfläche erscheint. Der Song, welcher seit 2009 nun wieder eine Silly Show eröffnen darf, gehört zu meinen Faves, weil er aus den Keyboard Sequenzen so gewaltig kraftvoll in den Schlagzeug/Bass/Gitarren Part übergeht. Ich bleibe in leichter Hocke und beginne zu fotografieren, immer darauf bedacht, den Fans in der ersten Reihe nicht auf die Füße zu treten, denn ihre Stühle stehen nur etwas über einen Meter von der Stage entfernt. Vor der eigentlichen Bühne stehen zinnenartig große Bassboxen, ich tänzle so von Nische zu Nische und drücke auf den Auslöser.

silly live in leipzig

Zum zweiten Song reiht sich Julia Neigel zu den Musikern, ihr erster Song: „Ich sag nicht ja“ vom „Alles Rot“ Album. Vielleicht, um die Fotografen zufriedenzustellen (drei Songs, wissta ne?), wechseln die Frontfrauen zum dritten Song bereits das erste Mal, Anna R besingt die „Verlorenen Kinder“ von Berlin. Schon hier zeigt sich die sinnvolle „Aufteilung“ des Repertoire der Band auf die zwei tollen Sängerinnen. Frau Neigel, wenn es um eher um Kraft und Power geht, Anna R, wenn die Songs nach mehr Feinfühligkeit und Melancholie verlangen.

silly live in leipzig
Julia Neigel

Um es vorweg zu nehmen: Ich finde, besser kann es eine Band mit dieser Vielzahl an Songs – die sich eben genau in diesen Stimmungen unterscheiden – nicht haben. So kommt Silly an eine nahezu perfekte Umsetzung ihres Songmaterials.

silly live in leipzig
Anna R

Ich ziehe mich zurück auf meinen Platz direkt am Mittelgang, um das Konzert weiter zu verfolgen. Erst jetzt habe ich die Möglichkeit, mir das Haus Auensee von Innen genauer anzusehen. Eine tolle Bühne überspannt von einem stuckverziertem Halbrund, die unteren Ränge umrahmt von einer Loge treppauf. Genau dahin zieht es mich nun, denn – man möge mir verzeihen – ich komme nicht umhin, auch von dort oben noch das eine oder andere Foto anzufertigen.

In gewissen Abständen kommen nun auch Videoeinspieler, in denen sowohl Uwe Hassbecker als auch Ritchie Barton kurze Anekdoten aus der Geschichte der Band erzählen. Diese Einspieler sind meist sehr emotional und bewegen somit auch das Publikum, welches sie mit Beifall und Jubel quittieren.

silly live in leipzig

Dieses Publikum hält es freilich nicht immer auf den Plätzen, je nach Song stehen immer mehr der Besucher, die einen, weil sie die Band nicht im Sitzen feiern wollen, andere, weil sie wegen Ersteren nicht mehr gut genug sehen. So kommt es zu den denkwürdigen Rufen von hinter uns: „Hinsetzen, Hinsetzen“, genau wie in der Manier wie es als „Zugabe, Zugabe“ bekannt und bewährt ist. Wir gucken uns an und müssen an dieser Stelle lachen. Hinsetzen ist somit das Zugabe der Ü-50 Generation geworden…irgendwie sick 🙂

In So’ne kleine Frau, Liebeswalzer, Schlohweißer Tag und Asyl im Paradies, sehe ich das erste Konzerthighlight. Die Songs kommen derart aneinandergereiht einfach grandios rüber, zu “Schlohweißer Tag” MUSS ich unbedingt nochmal nach vorn, ein paar Fotos machen, das Riffing dieses Songs ist einfach zu genial.

Asyl im Paradies beschließt den ersten Part des Konzerts, wobei zum Ende des Songs die Band die Bühne verlässt und beim Piano Part ein Foto von Tamara eingeblendet wird – auch ihre original Stimme ist dabei zu hören. Auch hier Beifall und Jubel, jedoch – wie soll ich es beschreiben – es ist sehr emotional und klingt in jenem Moment traurig.

silly live in leipzig

Pilspause…

Die halbstündige Pause nutzen wir, um uns ein Pilsener am Bierwagen zu ordern und das bisher gesehene auszuwerten und nach weiteren Gästen Ausschau zu halten, die nicht dem typischen Silly Fan (so es ihn überhaupt gibt) entsprechen. Dabei fallen uns allerdings nur drei Typen auf, die ihrem Outfit nach zu urteilen so eine Art Gruft/Punk verkörpern, auf jeden Fall fallen sie aus dem Rahmen 😉

Max & J.

Wir lassen uns die Suppe schmecken und ich bemerke, dass Herr Petereit gar nicht mit von der Partie ist. Max weiß, dass selbiger gerade mit Rockhaus auf Tour ist, und so bleibt also einiges mehr an Gitarrenarbeit an Daniel Hassbecker hängen. Was mir noch aufgefallen ist: die krasse metronomartige Schlagzeugarbeit von Ronny Dehn, gesegnet mit einem fettem Sound, hält er beim kompletten Gig alles zusammen und treibt die Band an. Top!

silly live in leipzig
Ronny Dehn

Der Sound war übrigens im Gesamten klasse, und die optischen Aspekte finde ich genau richtig. Es gibt Licht, Lichteffekte und Backdrop-Illuminationen, aber eben nicht in quietschbunt, sondern im rechten Maß.

das Konzert Pt.2

silly live in leipzig
Februar, das Cover auf dem Backscreen in der Pause…

Rechtzeitig zum letzten Gong sitzen wir wieder auf unseren Stühlen und Silly steigen mit „Paradiesvögel“ in den zweiten Part ein – welcher unter anderem dem Album „Februar“ gewidmet ist. Beim folgenden „Über ihr taute das Eis“ ist der Saal schon wieder gut am schwermütigem Schunkeln, um dann bei „SOS“ kräftig am Rad zu drehen. Auch bei uns fliegen die Matten (respektive der Bart), denn dieser Song ist wie keiner von Silly mit einem echtem Metal Riff gesegnet. Einfach geil!

silly live in leipzig

Es bleibt recht hart mit der wilden Mathilde, bevor Silly in den wohl wichtigsten Song ihrer Karriere einschwenken: Mont Klamott. Der Saal bebt, die sichtbar glückliche Band bedankt sich immer wieder beim Publikum, es geht in die heiße Endphase.

Julia Neigel zieht bei „Tanzt keiner Boggie“ nochmal richtig fett vom Leder, stimmlich wie optisch. Es ist komisch, dass ich einen Tag später auf Arte eine Doku über Stevie Wonder sehe, nach der ich Stein und Bein schwören würde, dieser Song ist Wonders „Superstition“ entliehen, oder zumindest davon inspiriert.

silly live in leipzig

Durchgerockt

Die letzten drei Songs lassen den Abend dann quasi ruhig ausklingen, ich streife während des Vorletzen meine Lederjacke über und will nun mein Glück versuchen, ein „Druchgerockt“ Foto mit Silly zu machen. Dazu frage ich mich vom Merchstand bis vor den schwarzen Moltonvorhang rechts der Bühne über den Security Typen bis zum Tourmanager Matze durch, welcher mich an seine Kollegin verweist. Nun, die junge Frau versichert mir mal zu fragen, meint aber es dürfte heute echt ungünstig sein, da so eine Art After Show Empfang ansteht. Ich warte also, sehe den letzten Song „Abendstunden“ so von rechts der Stage bis alles vorbei ist. Nach und nach werden dann sicher schon 10-15 Fans mit schwarzem Sticker nach hinten geführt, so dass ich mir nach einer viertel Stunde sage, das wird nichts mehr, zumal ja die Band eh mit den Fans beschäftigt sein dürfte – und das hat natürlich Vorrang, keine Frage.

silly live in leipzig

So ist es eben manchmal. Ich packe die Kamera ein und treffe meine Begleiter vor dem Haus. Aufgewühlt laufen wir schnatternd zum Auto und verlassen kurz darauf ein mit leichtem Nebel durchzogenes Leipzig.

Resümee:

Ich habe Silly in den Jahren 2008-2010 drei Mal gesehen: in Potsdam, in Hütte und in Cottbus. Jedes der Konzerte war für sich toll und sehenswert, auch oder gerade wegen Anna Loos in der „Alles Rot“ Phase.

silly live in leipzig

Jedoch, Band und/oder Musiker verändern sich, so auch Silly. Spätestens mit Wutfänger hatte mich Silly nicht mehr in ihren Fängen. Mir ging dieser derzeit typische „Uhhuhooho-Uhuhaaha-Lalala” Sound echt auf den Zeiger. Ob das nun eher von Anna ausging, kann ich nur vermuten. Um ehrlich zu sein, ließ mich die Trennung von ihr aufatmen. Ich hätte dieses Konzert nicht besucht, mit der Aussicht, auf solche Sounds wie sie Wutfänger bietet. Gerade die beiden Sängerinnen Julia Neigel und Anna R waren der ausschlaggebende Punkt für unseren Trip nach Leipzig.

silly live in leipzig

Und der hat sich gelohnt. Wir sahen Silly in Bestform, musikverliebt und mit großer Spielfreude, eingebettet in eine Show, die eine gewisse Düsterheit verkörperte, was der Band gut steht und was auch irgendwie in unsere Zeit passt.

Danke dafür.

6 Comments

  1. Kathrin Januar 31, 2020

    Ich bin seit 1981 Sillyfan und habe mir das Abschlusskonzert in Dresden angesehen. Es war großartig! Danke dir für den Bericht. Ich habe nur eine kleine Korrektur: „Unterm Asphalt“ wurde auch schon 2005 als Opener gespielt. Da war Silly mit Gästen im Tempodrom in Berlin und ist das erste Mal nach Tamaras Tod aufgetreten. Mein absolut emotionalstes Konzert.

  2. Detlef Berthold Januar 31, 2020

    Als Silly-Fan der 1.Stunde finde ich diesen Beitrag Klasse .Die Fotos die Beschreibung alles stimmt.Danke für die Mühen und die Stimmigkeit

    Berti Dresden
    Anmerkung: War in den 80 igern-90-igern Fanclub Leiter für den Süden der DDR verbunden mit den Konzerten im G-Haus Sonneberg.Der damalinge Keyboarder U.Mann war aus Schalkau daher die Verbindung

  3. Werner Klöver Januar 31, 2020

    Habe Silly in Weimar gesehen und kann die positiven Eindrücke aus Leipzig nur bestätigen. Und Silly hatte und hat natürlich grosses Glück, nach Tamara Danz mit drei tollen Sängerinnen (Anna Lois, AnnaR und Julia Neigel) weiter machen zu können. Freue mich schon auf die nächste Tour.

  4. David Januar 30, 2020

    Sehr schöne Bilder … und im Backstage wars dann auch noch lange und sehr nett 😉 Bei Februar musste ich ja dabei sein 😉

  5. Sebastian,Thea Dezember 15, 2019

    Hat auch mir gut gefallen,Bilder und Kommentare

  6. Claudia Müller Dezember 8, 2019

    Tolle Fotos und toller Bericht. Ich war selbst vor Ort und hätte es nicht besser ausdrücken können. Danke dafür.

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