CAPTIVATED – Wenn Musik eine Rolle spielt

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Ein Interview mit Moritz – dem Macher der Kurzfilmreihe CAPTIVATED, deren vierter Teil vor einigen Tagen veröffentlicht wurde.

Popper: Moritz, seit unserem letzten Interview sind nunmehr fast zwei Jahre vergangen. Einige Leser dürften durchaus wissen, dass du mein jüngster Sohn bist. Von daher weiß ich naturgemäß, was du in diesen zwei Jahren getrieben hast (oder auch nicht ). Dennoch am Anfang meine Frage: Wie ist es dir seit unserem letzten Gedankenaustausch abseits vom CAPTIVATED Projekt ergangen?

Moritz: Erstmal will ich mich natürlich wieder für die Gelegenheit bedanken, hier auf deinem Blog etwas mehr über die Entstehung von CAPTIVATED Folge 4 erzählen zu dürfen – mittlerweile sind wir da nämlich bei einem ziemlich interessanten Prozess angelangt. Dazu aber gleich mehr. Was habe ich in den letzten zwei Jahren gemacht? Puh, was habe ich eigentlich nicht gemacht? Ich habe mein Abitur abgelegt und mein Studium in der Hansestadt Greifswald begonnen, habe Anfang des Jahres das Let’s Playen an den Nagel gehängt und arbeite nun ehrenamtlich bei einem Greifswalder Lokalradio. Im Grunde ist eigentlich nichts mehr so, wie es noch zu Zeiten von CAPTIVATED Folge 2 war, und das ist tatsächlich auch ganz gut so. Veränderung ist ein guter Nährboden für Kreativität.

Popper: Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Um zu den Besonderheiten des vierten Teils von CAPTIVATED zu kommen, ist sicher gut zu wissen: Was geschah in der dritten Folge? Wurde das Storytelling konsequent fortgeführt oder seid ihr irgendwo abgebogen?

Moritz: Abgebogen sind wir zu einem bestimmten Teil sicherlich irgendwohin, nur manchmal bin ich mir selbst nicht mehr so ganz sicher, wo das eigentlich ist. lacht In Folge 3 haben wir angefangen, mit Rückblenden zu arbeiten. Die Gegenwart zeigte den Protagonist gefangen, eingesperrt mit dem Boss und seinem Aktenkoffer. Die Rückblenden zeigen, wie der Protagonist in diese missliche Lage gerät. Während der Zuschauer das am Ende der dritten Folge nicht gezeigt bekommen hat – sondern nur das, was 8 Stunden vor seiner Gefangennahme geschah – wird in Folge 4 aufgelöst, wer ihn und weshalb er zurück zum Boss geschleppt wurde. Nebenbei führen wir in den Audiofiles die Geschichte von Professor Gary Lawson zu Ende, erzählen mehr über Commander Nathan Conwell, der am Anfang von Folge 4 prominent eingeführt wird und beleuchten die Hintergründe vom Boss. Letzteres war übrigens im Storytelling-Aspekt ein Notnagel für uns, um Lücken oder buchstäbliche sinnlose Entscheidungen und Storystränge etwas glaubhafter zu machen.

Popper: Öhm, höre ich da etwa das Eingeständnis von einer gewissen Planlosigkeit heraus 😉

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Schloss Sassnitz auf Rügen – einer der Drehorte für die neue Folge von CAPTIVATED

Moritz: Dieses Eingeständnis mache ich tatsächlich auch völlig offen, da wir vor über zwei Jahren, als das Projekt zum ersten Mal so in dieser Form aufkam, nicht damit gerechnet hatten, es in dieser Fasson weiterzuführen. Üblicherweise gibt es bei der Produktion einer Serie den “Writers Room” – alle Story-Autoren an einer Serie setzen sich wochenlang zusammen, schreiben alle Plots, planen Charaktere, Locations, Castings etc. Das haben wir bei CAPTIVATED nicht gemacht, konnten wir auch gar nicht. Für jede Folge haben wir die Handlung erst dann geschrieben, als wir kurz vor dem eigentlichen Drehen waren, womit wir uns wohl wissentlich natürlich selber in den Fuß geschossen haben. Dass jene, die CAPTIVATED zum ersten Mal mit Folge 4 sehen, gar nicht wissen können, wer und was und wie und warum eigentlich, war mir schmerzlich bewusst, aber da wir gar nicht so weit planen konnten und unsere Handlung immer am Drehort des jeweiligen Kapitels festgemacht wurde, sind wir mit der Zeit nicht nur komplexer, sondern auch verwirrender geworden. Etwas, dass sich bei zukünftigen Projekten sicherlich anders gestalten wird.

Popper: Mit dieser Offenbarung sind wir also mitten drin in Folge 4. Unabhängig vom eben gesagten: Wie seid ihr an Folge 4 von CAPTIVATED herangegangen, was war euer Plan und konntet ihr ihn umsetzten? Ich frage das nicht ohne Hintergedanken, da es ja schon bei Folge 2 immer mal Ereignisse im realen Leben gab, welche die Produktion hemmten oder gar die Notwendigkeit einer Änderung nach sich zogen.

Moritz: Ich zäume das Pferd mal von hinten auf: Auch bei Kapitel 4 gab es bestimmte äußere Umstände, die dazu führten, dass sich Folge 4 immer wieder änderte. Der Haupt-Drehort war im Frühjahr 2018 erst fix, obschon wir bis dahin bereits die Sequenzen im Keller und die Irland-Cutscene gedreht hatten. Im Grunde hatten wir also das Ende von Folge 4 und somit der gesamten ersten Staffel eher, als den Anfang oder überhaupt eine Rahmenhandlung. “Hauptsache im Kasten”, so mein Gedankengang. Im März wurde dann in der Heimat im Familienverbund der eigentliche Anfang der Episode gedreht, schlussendlich Ende Mai dann der Hauptteil auf Schloss Sassnitz auf Rügen.

Popper: Hörte ich da gerade Irland?

Moritz: Tatsächlich, ja! lacht Die Sache mit Irland ist eigentlich eine viel, viel längere Geschichte und begann und endete nicht mit oder wegen CAPTIVATED; Aber es war ein netter Zusatz. Im Sinne von: “Wenn man schon mal da ist, dann…”. Die Idee, das Universum von CAPTIVATED zu einer Zeit zu präsentieren, bevor es zur Epidemie kam, stand schon auf den ersten Brainstorming-Zetteln, das müsste kurz nach der Fertigstellung von Folge 3 gewesen sein. Dass es am Ende Irland wurde, hat quasi der Zufall ergeben. Auch da war ursprünglich etwas anderes geplant, aber auch hier kam es zu Umständen, die uns damals zum umdisponieren zwangen. Am Ende ist es aber ein netter “Filler” für die Folge geworden, der dem Zuschauer auch noch mal verdeutlicht: Ein Wochenendprojekt war das definitiv nicht. lacht

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Dublin – Straßenszene, neuer auflockernder Drehort

Popper: Mit all den Dingen, die so passieren, welche man anders geplant hat: Bei welchem Zeitumfang ist das Team am Ende gelandet? Ich erinnere mich, dass schon bei Teil 2 einiges an Mannstunden verbrannt werden mussten… Gab es dazu irgendwelche Deadlines, die ihr euch auferlegt habt, welche dann auch noch für Stress sorgten, oder geht ihr zumindest in dieser Hinsicht entspannt an die Produktion?

Moritz: Beim eigentlichen Arbeitsumfang bleibt mir am Ende immer nur das Schätzen, da ich nicht genau weiß, wie viel Zeit jeder der anderen rund 20 Menschen an ihren Arbeiten verbracht hat. Konservativ liegen wir bei mindestens 100 Stunden, 150-200 könnten es vielleicht sein. Im Laufe der Produktion gab es verschiedene Deadlines für die verschiedenen Sparten. Für Max, unseren Musiker, galt etwa der Freitag vor Release als finale Deadline für alle Musikstücke, also zwei Tage vor der Veröffentlichung, was für mich aufgrund der geringen Schnittarbeit durchaus zu bewältigen war. Die Übersetzer hatten, glaube ich, eine Woche vor Release ihre Deadline, die Sprecher einen Monat vorher. Für Stress haben diese Zeitfenster fast nie gesorgt, außer, als man am Anfang der Musikproduktion noch nicht genau abschätzen konnte, wie lange der kreative Prozess des Schreibens an sich andauern würde. Da es sich um eine Hobbyproduktion handelt, ist es generell entspannter als bei Projekten, hinter denen ein großes Budget oder gar ein Investor steht. Egal bei wem, wenn es um die Deadlines ging, fügte ich immer noch hinzu: “Wenn du es bis dahin nicht schaffst, macht das nix – mach es, wenn du Zeit hast.”.

Popper: Du erwähntest ja schon einige Unterschiede zu professionellen Produktionen, was würdest du heute rückblickend sagen, waren Dinge, die euch am Schwersten gefallen sind?

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Dreh im heimischen Trockenraum – umfunktioniert als Waffenlager 😉

Moritz: Eine Sache, die uns auch immer noch nicht zu 100% gelingen möchte, ist das sogenannte “Pacing” der Folge. Das Wort mag den meistens in der Hinsicht vielleicht nicht viel sagen, es fällt aber auf, wenn es nicht passt: Die Folge wird langatmig, die Taktung der Ereignisse ist entweder zu schnell, und man verliert den Überblick, oder zu langsam und der Zuschauer will abschalten oder schaut währenddessen auf seinem Smartphone nach Neuigkeiten. Sobald wir das Rohmaterial haben, liegt das Anlegen der Taktung auch vollkommen in meinem Aufgabenbereich, und da ich während der Produktion niemanden habe, der mit mir beim Schneiden sitzt und sich die Folge ebenfalls anschaut, kann ich am Ende nie beurteilen, ob das Pacing stimmt. Ich habe die Episode mittlerweile sicherlich schon an die 75 Mal gesehen, und gerade kurz vor Ende der Produktion kann ich nur ganz schwer einschätzen, ob diese 30 Sekunden Stille hier und die 45 Sekunden dort schon zu viel sind.

Popper: Durchaus sind auch mir Stellen aufgefallen, die den besagten Effekt haben, also, dass einige Momente lang nicht richtig was passiert. Hast du eine Idee, wie du damit in Zukunft umgehen könntest?

Moritz: Ich denke, eine ausgeklügeltere Vorproduktion würde uns da ungemein helfen. Wenn wir vor dem Dreh mehrmals zur Location könnten, die Story entweder schon für die Staffel geschrieben ist oder aber für den Ort so angepasst wird, dass wir genau wissen, an welchem Standpunkt des Drehortes was passiert, wie lange dieses Ereignis braucht und so weiter, würde uns das weiterhelfen. Aber wenn man nur zur zweit dreht und obendrein weiß, dass man – weil es eben ein Hobbyprojekt ist – nicht mehrmals einen eventuell langen Fahrtweg auf sich nehmen kann, bleibt uns nichts anderes möglich, als in der Nachbearbeitung so viele “Leerstellen” wie nur möglich zu vermeiden. Dass das bei CAPTIVATED nicht funktioniert, ist selbstredend schade. Für zukünftige Projekte würde ich natürlich gern eine detailliertere Vorproduktion vornehmen, aber dafür fehlen mir leider die Leute, die Zeit und ab einem bestimmten Punkt sicherlich auch das Budget.

Popper: Das Los der Kreativen 😉  CAPTIVATED Folge 4 ist erstmals in deutscher Sprache gehalten. Ein Umstand, bei dem ich hin- und hergerissen bin, wie ich ihn beurteile. Denn sowohl der Klang der Dialoge als auch die Sprecher der englischen Version waren bisher erstklassig.  Wie kam es zur Entscheidung, gelingt euch die nötige Arbeit der Vertonung – die ja bei CAPTIVATED eine große Rolle spielt – nun leichter?

Moritz: Die Vertonung ist bei CAPTIVATED in der Tat äußerst wichtig, mit ihr lebt oder stirbt die Folge, da wir, anders als klassische Kurzfilme, kaum Charaktere haben, die tatsächlich vor der Kamera auftauchen – man hört sie meistens nur aus dem Off. Bis auf den Boss, wie du ja selbst am besten wissen müsstest. Während der Planung von Folge 4 gab es eigentlich nicht die Absicht, nur eine deutsche Version anzubieten. Auch war unser Plan, aber wie es bei solchen langfristigen Projekten eben passieren kann, wird es mit der Zeit immer schwieriger, die Menschen nochmal und nochmal und nochmal zu mobilisieren, und bei Folge 4 hat sich bis auf Gerrit Schaetzing, der unseren Protagonisten vertont, niemand aus dem sonstigen englischen Cast gemeldet (mal ganz von dir, meinem Bruder Max und mir selbst abgesehen). Und da CAPTIVATED eben ein Hobbyprojekt ist, können wir leider auch nur mit Spaß an der Freude als Gage dienen, und irgendwann reicht das eben nicht mehr aus, um nach langer Zeit der (Zwangs-)Pause alle ausnahmslos wieder für das Projekt zu begeistern. Also ging ich im Februar dieses Jahres auf die Suche nach dem deutschen Cast; Sieben Rollen galt es insgesamt zu besetzen, und in weniger als einer Woche waren dann schlussendlich alle beisammen. Ich bin ehrlich gesagt immer noch erstaunt, wie schnell ich eine so professionelle Sprecherriege zusammenbekommen habe, und das dann auch noch in einem Forum, das sich eigentlich auf Hörspielproduktionen versteht. Wobei, so verschieden mag die Arbeit für die Akteure am Ende gar nicht gewesen sein. lacht

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Details für die Opening Credits

Popper: Eine weitere wichtige Zutat von CAPTIVATED ist die Musik. Max von Tormentor ist auch diesmal für den Hauptsoundtrack verantwortlich. Aber wie zur Hölle seid ihr an die offizielle Verwendung von Songs gekommen, die in musikalischer Hinsicht nicht unbedingt im Underground zu verorten sind? Könnte das etwa auch damit zu tun haben, wie sich dein Verhältnis zur Musik in den letzten Jahren verändert hat?

Moritz: Das “Wie” ist eigentlich relativ schnell beantwortet: Ich habe die offiziellen Facebook-Präsenzen von den Künstlern angeschrieben und nett gefragt, ob wir bestimmte Tracks für unser Projekt verwenden dürften. Dass sowohl Zeal & Ardor als auch The Hirsch Effekt zugestimmt haben, freut mich natürlich immer noch immens, da ich bisweilen zwar darauf gehofft hatte, eine Erlaubnis zu bekommen, es aber für eher unwahrscheinlich hielt.

Für den zweiten Teil deiner Frage muss ich ein bisschen weiter ausholen:

CAPTIVATED war die letzten zwei Jahre immer in meinem Hinterkopf, und oft habe ich darüber nachgedacht, wie die finale Szene aussehen könnte, was man hört und was man als Zuschauer empfindet. Irgendwann, das muss vielleicht Ende 2016 oder Anfang 2017 gewesen sein, hattest du mir ganz aufgeregt den Song “Meaningless” der schwedischen Prog-Metal-Band Pain of Salvation empfohlen, mit dem vollmündigen Versprechen, er sei ein absoluter “Übersong”. Die Annahme konnte ich dann recht schnell bestätigen und so hörte ich den Song rauf und runter, wieder und wieder – das Album war noch nicht erschienen, glaube ich. Und irgendwann braute sich in meinem Kopf dann die Idee für genau dieses Finale: Das immer Lauter-Werden der Musik, die Angespanntheit und Wut im Dialog zwischen dem Protagonisten und dem Boss, bis irgendwann der Koffer aufgerissen und an genau dieser Stelle zu schwarz geschnitten wird. Diese Idee trug ich über die kommenden Monate immer weiter in meinem Kopf herum, bis ich dann irgendwann mal spaßeshalber die Lizenzrechte nachschlug und feststellte, dass ich in den nächsten 20 Jahren wohl nicht so viel Geld anhäufen würde, um diesen Track mit Genehmigung des doch sehr großen Labels offiziell verwenden zu dürfen. Die Prämisse war nun: Gut, dann schreibe ich halt einen eigenen Song. Der Text kommt von mir, Musik kommt von Max, Sänger oder Sängerin, das kommt später. Besprochen hatte wir die Idee glaube ich kurz, als ich ihn im Juli letztes Jahr besucht habe, daraus geworden ist allerdings nichts, denn irgendwann kamen eben The Hirsch Effekt mit ihrer total abgefahrenen Musik um die Ecke und ich wusste sofort: “Das passt zu 100 Prozent zu dem, was ich vorhabe und es könnte sogar sein, dass wir einen Track verwenden dürfen.” Mein Verhältnis zur Musik hat sich auch in genau diesem Zeitraum geändert, vor knapp einem Jahr, als ich von zu Hause ausgezogen bin. Mit diesem Bruch in meinem Leben kam der musikalische Einfluss des Elternhauses scheinbar erst richtig zum Tragen. Dass ich Zeal & Ardors Musik für den Trailer verwenden durfte, freute mich natürlich ebenso, da ich auch diesen Künstler mit seinem Mix aus Black-Metal und Gospel zu dem Zeitpunkt schon länger verfolgte.

Popper: Ein wirklich schöne Geschichte, ich liebe Geschichten, in denen Musik eine Hauptrolle spielt! Seit der zweiten Folge von CAPTIVATED fällt dem geneigtem Hörer eine Art Hauptthema auf, welches sich wie ein roter Faden durch die Stimmungen im Video zieht. Ihr habt mit Max quasi einen Haus-  und Hofkomponisten. Was waren für Folge 4 die wichtigsten Anforderungen an ihn, wie konntet ihr ihn abermals überzeugen, mal sein Bier stehen zu lassen und sich eurem Projekt zu widmen? 😉

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The Hirsch Effekt -The Eskapist auf dem Plattenteller!

Moritz: Viel Überzeugungsarbeit war da gar nicht notwendig – wenn es da tatsächlich einen Prozess gegeben hätte, dann wäre es wohl so abgelaufen: Ich: “Machste wieder?” Er so: “Jo.” lacht Mit meinem Bruder zu arbeiten, ist mir immer eine ganz besondere Freude, und ich denke, da geht es ihm nicht anders. Wie üblich schrieb ich für ihn meine Ideen in ein Dokument, mit welchen er dann die ersten Skizzen komponierte. Meine Herangehensweise an diese Episode war: Was haben wir in den letzten Folgen noch nicht so oft gehört? Dabei heraus kamen viele perkussive sowie basslastige Elemente, die sich dennoch perfekt in den Stil eingefügt haben. Das liegt natürlich nicht zuletzt daran, dass Max etwas von seinem Handwerk versteht und in gerade mal zwei Wochen eigentlicher Produktion einen Soundtrack auf die Beine gestellt hat, der sich außerordentlich hören lassen kann!

Popper: Absolut, ihr werdet sicher den Soundtrack als Playlist veröffentlichen?

Moritz: Richtig, laut Aussagen von Max wird er daran für den Soundtrack-Release noch etwas rumwerkeln, in einigen Wochen wird die Musik der Episode dann auf YouTube und wahrscheinlich auch auf Spotify erscheinen.

Popper:  Wir haben Sprache und Musik in CAPTIVATED beleuchtet, was gibt es in Sachen Video zu sagen, was hat sich da bei euch in den letzten zwei Jahren getan?

Moritz: Mit Folge 3 haben wir bereits versucht, mit kleinen Schritten den großen TV-Formaten nachzueifern, allen voran mit unseren Opening-Credits. In Kapitel 4 wollten wir die “klassische” Art des Produzierens noch mehr bedienen, so kam unsere Anfangssequenz zustande, bei der ich mit dir und deiner ganz reizenden Frau diese Perspektiven im Wäschekeller des alten Wohnblocks aufgezeichnet habe. Mit drei Paar Händen, noch dazu mit einem erfahrenen Fotografen, gestaltet sich so eine Tätigkeit natürlich noch mal um einiges einfacher und interessanter, das hat mir also großen Spaß gemacht! Eine andere Kamera haben wir für das Drehen in der 1st person ebenso verwendet, die hat konstant in 60 Bildern pro Sekunde und in einer Auflösung von 2.4K statt nur 2K aufgenommen, was uns mehr Spielraum für die Nachbearbeitung gab. Allgemein fahren wir mit jeder Folge mehr und mehr Equipment auf. Ich erinnere mich da an den vernebelten Sonntagmorgen, an dem ich zusammen mit unserem Co-Producer Vincent zur Location gefahren bin und ich zuvor mit einer Sporttasche vollgestopft mit Kameraequipment sowie einem Rucksack, der bald aus allen Nähten platzte, auf dem Parkplatz wartete. Aber ich denke, qualitativ sieht man auf jeden Fall wieder eine Verbesserung. Die Frage ist nur, wie weit wir uns noch verbessern können – das wird die Zukunft zeigen müssen.

Popper: Ich erinnere mich lebhaft an die Kellersequenz, ab dem Zeitpunkt war CAPTIVATED endgültig zu einem Family Project geworden. Ihr nehmt am Ende jeden den ihr bekommen könnt, was? 😉

Moritz: Auf diese Frage kann ich tatsächlich nicht einmal mit einem “Nein” antworten, da es gerade für Hobbyprojekte mit einem derart experimentellen Konzept wichtig ist, genug Leute mit an Bord zu ziehen. Und da sind Gleichgesinnte natürlich immer die ersten, die man fragt, ob sie nicht Lust hätten, mitzuwirken. Dass ich schlussendlich sowohl meine Eltern, als auch meinen Bruder dazu bringen konnte, bei CAPTIVATED mitzuwirken, war mir dann aber irgendwann ein persönliches Anliegen, dass ich zum Glück mit der letzten Episode der ersten Staffel erfüllen konnte – und darauf bin ich stolz!

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Keller-Szene: Erklärungen vom Regisseur

Popper: Auf die Gefahr hin, dass ich hier vorgreife, aber die Frage bietet sich gerade an: Würdet ihr soweit gehen, deutlich mehr gespielte Szenen zu drehen?

Moritz: Ich weiß nicht, ob es im Sinne genau dieser Filmreihe ist. Ich denke, der Fokus sollte nicht allzu fern verrückt werden von der hautnahen und irgendwie eingeklemmten Sicht des Protagonisten. Ich persönlich würde äußerst gern in Zukunft auch (Kurz-)Filme produzieren, die komplett aus klassischen, “gespielten” Szenen bestehen, aber da läuft man gerade als Hobbyproduzent ganz schnell in Gefahr, dass es aussieht wie gewollt aber nicht gekonnt. Die Mannstärke und das Equipment, das bei solchen Produktionen über die eigentliche Kamera hinausgeht, ist für mich im Moment noch unerreichbar. Außerdem bräuchte man dann tatsächlich Menschen, die einigermaßen schauspielern und sich ihren Text vorher einprägen – ich erinnere da an “Ich weiß das du sie hast. Ich weiß wo sie ist – wo ist sie?”.

Popper: lacht Unerreicht, diese komische Situation, während unseres Drehs von Folge 3, schade, dass man sie so schlecht beschreiben kann (jedoch nachhören, siehe weiter oben)

Euer Ansatz ist einleuchtend und letztlich beweist CAPTIVATED, dass man durch eine geschickte Verbindung von Musik, Sprache und Bewegtbild aus der “first person” Perspektive spannende Filme machen kann.  Was waren denn die eigenartigsten Situationen, die ihr beim Drehen in den Lost Places erlebt habt? Offensichtlich seid ihr ja mutterseelenallein durch diese alte Schlossanlage gestreift, gab es vielleicht Hunde, Wölfe oder andere wilde Tiere?

Moritz: Wenn wir doch nur so allein gewesen wären lacht Tatsächlich hatten wir bei den Hauptdreharbeiten auf Schloss Sassnitz so viel Fußgängerverkehr, dass wir mehrmals unseren Long-Take, der 10 Minuten dauerte, von vorn beginnen mussten, weil Fußgänger aufgetaucht waren. Irgendwann fuhr dann auch ein fetter SUV vor und eine Großfamilie stieg aus, bei denen die Kinder nicht nur umhergetollt sind, sondern der Familienvater seine Drohne ausgepackt hat – mitten auf der “Kreuzung” der Wege, auf der wir natürlich auch lang mussten. Während die Kinder dann also irgendwann begannen, zu quengeln und Papa nur noch auf sein Handydisplay schaute, um die Drohne nicht ins Mauerwerk zu sägen, haben Vincent und ich erstmal die Szenen für den Trailer gefilmt, was über eine Stunde gedauert hat. Danach waren die meisten Passanten weg und wir konnten ungestört drehen. Und, oh, Jugendliche, die wir ganz zu Beginn unseres Drehs von Weitem gesehen haben, scheinen wohl gedacht zu haben, wir machen eine Schnitzeljagd mit den Kassetten und haben prompt eine eingesteckt, die wir schon platziert hatten.

Popper: Ich hoffe die Jungs konnten mit einem meiner alten Metal Tapes etwas anfangen!  😉

Moritz: Alles andere ja wäre schade, so kann man ja wenigstens noch drauf hoffen, dass man damit die Jugend von heute auf die richtigen musikalischen Pfade gelenkt hat. lacht

Popper: Moritz, wie könnte es weitergehen mit CAPTIVATED?

Moritz: Für die Sache, die wahrscheinlich im Frühjahr 2019 erscheint, bleiben wir vorerst unserer Videospiel-DNS treu (ja, so reden Spieleentwickler auf ihren Conventions, auf denen sie ihre neusten Titel präsentieren!) und veröffentlichen CAPTIVATED: Remastered. Eine knapp 60-minütige Langspielversion aller vier Kapitel der ersten Staffel, komplett in deutscher Sprachausgabe, einheitlichen Interfaceelementen, aufgebügelter Videoqualität, einem Soundtrack für Kapitel 1, einem gezeichneten Intro und Zwischensequenzen und, öh, das war’s auch. Die Arbeiten daran beginnen demnächst!

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CAPTIVATED – Filmplakat in limitierter Auflage

Popper: Moment, gezeichnetes Intro, wieso weiß ich nix davon?

Moritz: Das ist ja auch noch quasi-geheim und in Planung 😉

Popper: Ist CAPTIVATED also vorerst abgeschlossen?

Moritz: Wir haben uns nicht ohne Grund entschieden, die ersten vier Episoden mit “Staffel 1” zu betiteln. All die Aspekte, in denen ich mich bessern will? Die größere Vorproduktion, die kohärentere Story? Das wird Staffel 2. Aber so etwas kann erst passieren, wenn alles ineinander greift und wir die Leute und die Mittel haben.

Popper: Verstehe. Aber wie ich dich kenne, wirst du nicht nur für das Studium büffeln, Platten in der Greifswalder Studentenbude auflegen und Netflix gucken. Verrate uns doch einfach mal, was du als nächstes machst. Und erzähle uns nicht: “Na genau das, was du gerade beschrieben hast.”

Moritz: Naja, die neue The Night Flight Orchestra, die heute in meinen Plattenschrank kam, will ja mehr als nur ein Mal gespielt werden. lacht  Aber mal im Ernst: Ich habe tatsächlich viele Ideen für mein nächstes Projekt. CAPTIVATED: Remastered läuft so nebenbei her, da 75% der Arbeiten bereits gemacht sind und ich alles zusammenschneiden darf – nebst kreativer Anweisung zur Musik für Folge 1 und den gezeichneten Passagen. Durch meine Arbeit beim Radio habe ich viele neue Bekanntschaften gemacht, die mir nicht nur dabei, sondern auch bei neuen Ideen helfen können. Zwei dieser Ideen sind bereits in der Konzeption – eine davon ist sehr ambitioniert, da kann es – wie bei vielen großen Filmen – auch gern mal ein paar Jahre dauern, ehe das Projekt umgesetzt werden kann. Ansonsten hoffe ich, dass ich mit der Zeit wieder ein wenig mehr in der Weltgeschichte rumkurve und mit meiner Kamera das ein oder andere festhalte. Sachen wie Hörspiele (dank des deutschen CAPTIVATED-Casts), andere Kurzfilme oder dergleichen sind natürlich genauso gut möglich. Im Moment gilt es aber erstmal, die kreativen Batterien wieder aufzuladen, und dabei hilft gerade immens die viele gute Musik, die ich zum einen nachzuholen habe, zum anderen die, die gerade erscheint.

Popper:  Sicher ist es eine der meist verwendeten Floskeln, jedoch, ich nutze sie dennoch: Es bleibt also spannend im Elandir Universum.

Abschließend bedankst du dich jetzt bei allen, die dich unterstützt haben, so wie es dir deine Eltern beigebracht haben, ok? Spaß bei Seite, du hast das letzte Wort…ach warte mal, vielleicht noch fünf Musiktipps, die den Artikel in diesem musikalischen Fotoblog wunderbar abrunden könnten. Du bist am Zug.

Moritz: Zum einen würde ich jedem das 22-minütige Instrumentalstück von Foo Fighters Frontmann Dave Grohl empfehlen, der, inspiriert durch seine eigenen Kinder, die im Moment das Spielen von Instrumenten erlernen, sich selbst an viele verschiedene tonerzeugende Sachen gesetzt und einen Track namens “Play” produziert hat. In Sachen Pacing hat er übrigens alles richtig gemacht, um den Bogen dahingehend zu schließen.

Die gerade noch erwähnten The Night Flight Orchestra mit ihrem neusten Album “Sometimes the World Ain’t Enough” höre ich derzeit auch sehr viel – so oft, dass ich es auf Vinyl haben musste.

Härteres höre ich im Moment beispielsweise mit der polnischen Death Metal Truppe Vader, zuvorderst ihr schon etwas betagtes Album “Impressions In Blood”. Sowohl Behemoth als auch Vitja bringen demnächst neue Scheiben, da rotierten in den vergangenen Tagen derweil die Singles God = Dog und Anxiety auf dem virtuellen Spieler. Zu guter Letzt ein Soundtrack, den ich sehr gern und sehr oft empfehle: Mick Gordons “DOOM” Soundtrack – Musikrichtung ist hierbei nicht wirklich Doom-Metal, abgefahren krass ist es aber trotzdem. Auch hier findet sich bald das blutrote Vinyl im Schrank, vorausgesetzt, die Royal Mail kommt mal aus’m Tee (haha, stereotypischer Wortwitz) und schickt das Ding bald nach Deutschland. lacht

Und was die Danksagungen angeht: Ich glaube, ich kann mich da gar nicht oft genug bei allen Beteiligten bedanken. Einfach nur die schiere Tatsache dieses Projekt auf die Beine gestellt zu haben, bei dem sowohl meine Eltern als auch mein Bruder mithalfen, wird sicherlich für immer eine Arbeit sein, an die ich mich gern zurückerinnere. Zudem die vielen anderen Helfer, allen voran natürlich Vincent, der meine verrückten Ideen auch nach mehr als zwei Jahren immer noch so gut findet, dass er seine Zeit aufopfert und mit mir daran arbeitet. Gerrit als Sprecher des Protagonisten, der mittlerweile sogar eine Schauspielschule besucht und über die Jahre ein integraler Bestandteil der CAPTIVATED-Reihe geworden ist. Alle anderen Sprecher des deutschen Casts, die in extrem kurzer Zeit Ergebnisse ablieferten, die sich perfekt in die Episode einfügten – insofern noch mal danke an: Fabian, Clemens, Nadine, Matthias, Benedict, Kathleen und Jack für eure Stimmen! Dann bleiben natürlich noch die Übersetzer, die innerhalb weniger Tage über 1000 Wörter in 4 Sprachen übersetzt haben und auch noch all jene, die mich über die zwei Jahre mit Feedback, Vorschlägen und Kritik unterstützt haben. Es klingt sicherlich ungeheuerlich pathetisch für so ein Hobbyprojekt, dass ich hier meine Oscar-Ansprache raushole, aber es bedeutet mir tatsächlich sehr viel, dieses Projekt mit diesen Menschen verwirklicht zu haben.

Popper: Dann bleibt mir noch Danke zu sagen, für dieses umfassende Interview.

HALT: Commander Nathan Conwell: ist er eigentlich ein good or bad guy, ich bin mir immer noch nicht sicher!

Moritz: Ha, witzig, dass du das erwähnst: Ich habe vor zwei Tagen schon 1400 Wörter in mein Schreibprogramm gehämmert, die im zweiten Band eines gewissen Buches eventuell genau diese Frage beantworten werden 😉

Wer Moritz auf seinen weiteren kreativen Wegen begleiten will, sollte seinen noch recht frischen Kanal auf YT abonnieren.

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