Live bei Tears For Fears im Berliner Tempodrom – Aus der Sicht eines Fans

Vorahnung:

Als ich im Spätsommer 1986 – also ca. ein Jahr nach Veröffentlichung – zum ersten Mal das Album „Songs From The Big Chair“ auflegte, läuft im Nebenzimmer gerade eine Party, da ich sturmfrei habe. Ich nehme mir dennoch die Zeit, für eine Weile nicht dabei zu sein, denn zwei meiner Freunde hatten mir soeben eine tschechische Pressung eben dieser Platte überreicht und ich konnte und wollte in diesem Moment nichts anderes tun, als sie zu hören.

Denn: bis dato drangen nur jene Songs durch das Radio an meine Ohren, die heute als Klassiker gelten. Ich musste aber unbedingt wissen, wie sich der Rest der Scheibe anhört, und was sich dann in meinem Jugendzimmer abspielte, ist heute auch für mich nur noch schwer nachzuvollziehen. Ich bemerkte vermutlich recht schnell, dass so ziemlich alle Songs bereits als Singles veröffentlicht wurden, aber vor allem „The Working Hour“ und „Listen“ bliesen vieles bisher Gehörte, für meine Begriffe, einfach hinweg. Ich weiß noch ganz genau, wie mir die Musik eine Gänsehaut nach der anderen bescherte und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Was sich allerdings änderte, war, welche große Rolle Musik in Zukunft für mich spielen sollte und wie ich Musik fortan hörte. Ich habe ohne Zweifel durch „Songs From The Big Chair“ viel über Musik gelernt, im Sinne von, was kann Musik ausdrücken, was kann sie bewirken, wie kann sich Musik anfühlen.

Wege:

Obschon sich meine musikalischen Vorlieben bald vornehmlich in Richtung Heavy Metal in all seine Schattierungen ausbreitete, blieb ich immer Fan der Band. Mein Interesse an Tears For Fears erlosch nie, es wuchs in den letzten zehn Jahren sogar noch einmal deutlich, und immer hielt ich Ausschau nach einem Konzert, um sie endlich live zu sehen. 

Die einzige reale Chance nach dem Fall der Mauer ergab sich bereits im März 1990 in Berlin. Das habe ich schlicht verpasst, geschweige denn ich überhaupt davon gewusst hätte. Denn in jenen Tagen drehte sich die Welt für uns um die 20-Jährigen vermutlich dreimal so schnell um alle verfügbaren Achsen.  Tears For Fears mieden jedoch seit jener Tour Deutschland und eigentlich auch Europa und bespielten vornehmlich – recht erfolgreich – Nord-  und Südamerika. Es zogen also fast dreißig Jahre ins Land.

 Als mich im Herbst 2017 eine Message erreichte, TFF würden zwei Deutschland Gigs spielen, drehte ich fast durch und ich setzte alle Hebel in Bewegung, um an die Tickets zu kommen, was auch klappte. Ich war schon verdammt nah dran, im Mai 2018 sollte es soweit sein.

Daraus wurde aber leider nichts, denn beide Shows wurden aus gesundheitlichen Gründen abgesagt und auf den Februar 2019 verlegt. Ich sollte also noch ein Dreivierteljahr warten, und an mir nagten Zweifel, ob überhaupt was daraus werden würde.

Es wird sein:

Einige Tage vor dem Konzert ersuche ich über die PR Firma der Band eine Erlaubnis, ein Foto für meine „Durchgerockt“ Serie machen zu dürfen – ich musste das tun, auch wenn mir klar war, wie absurd mein Anliegen war. Wie vermutet, war das Feedback dazu negativ, aber ich wurde gefragt, ob ich das Konzert fotografieren wolle, das könnten sie für mich versuchen, zu ermöglichen. Natürlich wollte ich, auch wenn das hieß, die drei ersten Songs lang nicht uneingeschränkt den Gig zu erleben – aber hey, meine eigenen Fotos, von meiner absoluten Lieblingsband? 

Drei Tage vor dem Konzert kam dann das Okay, allerdings stand in der Mail auch was von FOH (Front Of House), was bedeutet, dass es keinen Fotograben gibt, sondern man steht irgendwo in eher weiter Entfernung um zu fotografieren. Diese Geißel der Konzertfotografie war bisher immer an mir vorbeigegangen, aber jetzt deshalb einen Rückzieher machen? Einziges Problem: mein Equipment ist dafür schlicht nicht ausgelegt, da ich im Prinzip nur weitwinklig arbeite. Ich verfüge sogar nur über ein einziges Objektiv, mit dem ich arbeite. Ein 18-35 1.8, so sieht’s aus.

Über einen Objektiv-Verleih im Web ließ ich mir ein Nikkor 70-200 2.8 Objektiv zuschicken, das Teil kam tatsächlich Freitag Nachmittag bei mir an und ich schraube den ”Trümmer” an meine D500, checkte die Einstellungen, lud meine Kamera Akkus und formatierte die Speicherkarten – alles andere lag jetzt nicht mehr in meiner Hand. In ungefähr 24 Stunden würde es soweit sein.

Das Niikor 70-200 2.8 an der D500 kommt auf ca.2,5 Kilo, das will man eigentlich nicht tragen 😉

Der Konzerttag:

Im Vergleich zu den Kate Bush Fans – welche die Künstlerin 2014 nach 35 Jahren erstmals wieder auf einer Bühne bewundern durften und dafür bis nach London fliegen mussten (wenn man, wie viele, aus Deutschland kam) – habe ich es vergleichsweise komfortabel. Es ist Sonnabend und Berlin ungefähr 150 Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Meine mitreisenden Freunde beruhigen mich bereits vorab, mit Stau sei nicht zu rechnen, auch Wettereskapaden, wie wir sie beim Trip zu Triptykon erlebten, oder 20cm Neuschnee bei einem Kreator Gig in Berlin auf der Rückreise (okay, da wärs dann egal 😉 ), sind bei der heutigen Wetterlage nicht zu befürchten. Ich bin wohlauf, bis auf dieses eigenartige Gefühl, welches sich seit Mittag in mir breit macht, ein Gefühl der Anspannung, das ich in der Form nicht kenne. Ist es Angst? Und wenn ja, wovor?

Gegen 17:00 Uhr macht sich der kleine Trupp auf dem Weg, es begleiten mich meine liebe J., sowie meine Freunde Lehmie und Evil, wobei Evil freundlicherweise auch den Kraftfahrer stellt. Ob ich heute überhaupt ein Auto lenken könnte? Vermutlich ja, aber ich bin sehr froh es nicht zu müssen.

Die Bahn ist frei, wir fahren in den Sonnenuntergang, Lehmie und J. machen sich ein Bier auf, ich lehne dankend ab, spätestens jetzt wird allen in der Fahrgastzelle klar, dass es mir sehr ernst ist, ich bin schlicht zu aufgeregt.

Kurz nach sieben Uhr Abends legen wir die letzten Schritte zum Tempodrom zurück. Das erste und bis heute einzige Mal war ich 1991 zu meinem ersten Saxon Konzert hier. Dem damals vorhandenen großem (Zirkus) Zelt ist heute ein massiver Bau gewichen, der dem Zelt architektonisch nachempfunden ist.  

Ich muss mich nun kümmern, wie ich mit meinem Kamerarucksack ins Venue komme, die anderen werde ich drinnen wieder treffen. Am Presseschalter herrscht Unklarheit, Fotopass, ja, aber auch ein Ticket soll ich empfangen. Ich sage, nee, ich brauche kein Ticket, das hab ich selbst bezahlt. Ungläubige Blicke werden getauscht, ja, dann bitte hier rechts die Tür nehmen…

Ich bin also drin, und obwohl dies nun überhaupt nicht meine Sorge war, fühle ich mich ab jetzt etwas leichter atmen. Als hernach die Vierertruppe wieder vereint ist, geht es darum, sich Bier zu organisieren, dafür bin ich jetzt auch, verdammt noch mal!

Bevor wir treppab zu dieser Maßnahme schreiten, sichten wir den Merch-Stand. Ich entscheide mich für eines der beiden Tourposter für mein Musikzimmer. Noch bevor das Bier ausgetrunken ist, stehe ich wieder am Merch und kaufe auch die zweite Version. 

Derweil der Typ, welcher hier den Support bekleidet, anfängt zu jodeln, stehen wir an einem der Tische und labern, was wir so an anderen Besuchern gesehen haben. Eigentlich nix aufregendes, außer vielleicht der junge Mann mit dem Type O Negative Hoodi, mit dem wir am Bierstand auch kurz ein paar Worte wechseln. 

Wir supporten auf unseren Leibchen hingegen Tormentor, Black Label Society, Demon und Canibal Corpse 🙂

Okay, lasst uns mal kurz rein gehen und den Support ansehen. Ich habe die anderen ja gewarnt. Ich hatte es auf Spotify bei keinem der drei angeklickten Songs länger als vier Sekunden ausgehalten, so übel wurde mir. Dieser Eindruck erreicht jetzt auch meine Mitstreiter. Lange musste uns der Ordner nicht bitten, entweder Platz zu nehmen, oder im Foyer zu warten. Schlecht, sehr schlecht. Und ehrlich: wir sind nicht von der Sorte Fans, die wirklich jede Vorband mit Pisse beschmeißen. Lehmie bemerkte noch, er hätte als wir da gestanden haben, genau vier Plätze gesehen, die nicht besetzt gewesen wären 😉

Ich gucke nun immer öfter auf die Uhrzeit. Ich muss 20:30 am Treffpunkt für die Fotografen sein, das Konzert soll 20:45 beginnen. 

Hier trennen sich also vorerst unsere Wege, nicht ohne meine Bitte auf ein frisches Bier, wenn ich dann nach drei Songs „runter“ komme.

Im Foyer stehen ca. acht Fotografen/innen mit schwerem Gerät, einer hat eine Canon mit aufgesetztem 400mm 2.8 auf einem Einbeistativ – ein Objektiv welches auf dem Markt allein schlappe 9000 Euro kommt. Okay, wenn damit Geld verdient wird, hat es ja vielleicht seine Berechtigung, vielleicht ist es ja wie meines, auch geliehen.

Ute (die Konzertmanagerin) sammelt alle, vergibt die Fotopass Aufkleber (den ich freilich nicht an meine Lederjacke pappe) und wir folgen ihr im Entengang einige Stufen nach oben, wo sie uns auf einer Art Empore abstellt, welche sich durchaus in den angedachten 40m Luftlinie zur Bühne befindet. Ich mache nun meine Kamera startklar, derweil mein Puls sich beschleunigt. Ich schaue nach den Anderen, dann entdecken auch sie mich und wir winken uns zu. Das Licht ist schon gedämpft, ganz pünktlich geht es jedoch nicht los, weil nochmal “die große Leiter” auf der Bühne ausgeklappt wird.

Stagetime:

21:54 – die Bühne ist in rot-orangefarbenes Licht getaucht – betreten nach den Bandmitgliedern auch Roland Orzabal und Curt Smith als Schattenrisse die Bühne, während „Everybody Wants To Rule The World“ in der Version von Lorde (aus dem zweiten Teil des dreiteiligen SF-Epos „The Hunger Games”) als Intro durch die Boxen wabert. 

tears for fears live in berlin 2019
tears for fears live in berlin 2019

Obwohl ich die drei nun folgenden Songs fast ausschließlich durch den Sucher meiner Kamera betrachte, bin ich von diesem Moment an echt sehr gerührt, „meine“ Band zu sehen. Dass ich hier hocke, ein Teleobjektiv auf das Geländer auflege, während „EWTRTW“ „Secret World“ und „Sowing the Seeds of Love“ den Einstieg in das Konzert markieren, macht es für mich noch eine Spur unwirklicher. Ich bin in diesem Moment dann doch in jenem “Fotografen”-Modus, der mich tatsächlich 1000 Mal auf den Auslöser drücken lassen wird – in dem Bestreben ein paar geile Momente zu erhaschen. Viel Spielraum für die Perspektive, bei dieser Entfernung, gibt es freilich nicht, sie ist wie festgenagelt, einzig der zoombare Bereich aus 230 Millimetern und das verschwenken bei vollen 200 mm ergeben einige Unterschiede. Ab und zu halte ich inne, gucke ungläubig an der Kamera vorbei in den 3000 Fans fassenden Saal. 

gitarrist curt smith - tears for fears auf der bühne
Curt Smith

Mit den letzten Takten des dritten Songs geht es zum geordneten, von meiner Seite hastigen, Rückzug ins Foyer. Ich muss nun schnell meine Ausrüstung verstauen und den Rucksack im Kassenraum hinterlegen – und hoffen, dass sich niemand als “Popper” ausgibt 😉 Das dauert wirklich aber nur etwas über eine Minute, aber ich verpasse so die erste der eher rar gestreuten Ansagen von Roland & Curt, hier wird wohl nur Youtube mein Freund sein müssen.

Ich betrete jetzt endlich den Saal, gehe zielstrebig zu unseren Plätzen – Reihe zwölf. Das Konzert ist komplett bestuhlt – auf den Sitzen hielt es nach den ersten Takten aber niemand mehr. Ich fände es – wie auch schon im Dezember bei Slayer – befremdlich, bei solchen Konzerten zu sitzen, ich kann es mir schlicht nicht vorstellen, für mich ist das eine Frage des Respekts.

gitarrist roland orzabal - tears for fears auf der bühne

Bei den nun folgenden „Pale Shelter“ und vor allem bei „Break It Down Again“ kann ich mich mit einem Bier in der Hand das erste Mal „fallen lassen“, mich der Musik hingeben, es ist der Moment, der mich heute am stärksten beeindrucken wird. Ich schließe nun die Augen und verdrücke eine Träne der Freude. Ich bin angekommen, das, was ich mir so sehr gewünscht habe, wird in diesen Minuten Realität.

tears for fears live in berlin 2019
tears for fears live in berlin 2019

Bei der Songauswahl stehen die Alben „The Hurting“ (’83) und „The Seeds Of Love“ (’89) im Vordergrund. Ich kann generell mit jedem Tears For Fears Song, doch zur Mitte hin kommt es zu dem von mir befürchteten Radiohead Cover „Creep“. Tage zuvor hatte ich noch Hoffnung, da einige der letzten Konzerte in UK ohne den Song auskamen (laut setlist.fm). Okay, es ist nicht so, dass ich den Song nicht ausstehen kann, vielmehr finde ich, TFF haben tonnenweise eigener Hammersongs, die es verdient hätten gespielt zu werden. Zum Beispiel „Raoul And The Kings Of Spain“, aber das hätte vielleicht Curt nicht so geil gefunden – er war bei dem Album schlicht nicht involviert 😉

Egal, die Show ist toll. Evil bemerkt, TFF klingen so perfekt, dass er meint, die helfen da schon auch ein bisschen nach – nach dem Gig, auf dem Weg zum Auto, wird er sagen, er glaube nun, das Gesehene und Gehörte war alles echt, und Evil ist einer von den Menschen, denen ich so ein Urteil aus Gründen ohne Weiteres zutraue. Ich war an diesem Tag Fan, mich um ein Urteil zu fragen: sinnlos.

tears for fears live in berlin 2019

Im letzten Drittel zeigen alle Mucker noch mal mit Nachdruck, was sie drauf haben. „Woman in Chains“ „Badman’s Song“ und „Head Over Heels“ werden mit so viel Hingabe und Können dargeboten, dass ich abwechselnd mit Headbangen, Zuhören und Staunen beschäftigt bin. Dabei: außer einer Videowand und einigen Lichteffekten – die grafisch die Songs unterstützt – gibt es nix. Keine Pyros, kein Konfetti, kein Feuer, nix. Nur die Band und ihre Songs. Und so toll ich das bei meine letzten besuchten Konzerten von Behemoth und Slayer gefunden habe, so wenig fehlt mir das hier.

Der Fan weiß, das Konzert geht nun dem Ende entgegen. Die Musiker verschwinden hinter der Bühne – das Tempodrom bebt vor Begeisterung, Jubel, Pfeifen, Klatschen, Rufen – um für „Shout“ zurück zu kommen. Zu Beginn des wohl bekannteste Songs von Tears For Fears animiert Roland das Publikum den Song zu singen, wir lassen uns nicht zweimal bitten. Shout nimmt zunehmend an Fahrt auf und mündet in das bestechende Solo, welches Roland Orazabal dieser Tage wieder selbst live spielt – das war nicht immer so, und bringt mich in Verzückung, bis der Song und damit das Konzert meiner Faves vorbei ist.

gitarrist roland orzabal - tears for fears auf der bühne, hände in die Luft gestreckt
Roland Orzabal

Resümee

Ich habe also gerade Tears For Fears erlebt, neben Metallica 1988 in Budapest, das wohl wichtigste Konzert meins Lebens. Manche mögen sagen: es ist doch nur Musik! Ja… und nein. Musik kann Lebensbegleiter, Seelentröster und Auslöser für Freude und Raserei sein, und für mich war dieses Konzert kein Blick zurück auf meine Jugend. Ich habe es nicht als Verklärung von Ereignissen empfunden, die ich vor über dreißig Jahren erlebte, nein.

Roland Orazabal und Curt Smith spielen und singen zu sehen, war mir ein echtes, inneres Bedürfnis, welches aus tiefem Respekt vor ihrem künstlerischem Schaffen hervorgegangen ist, sowie vor ihrem Talent, einzigartige Musik zu schreiben, zu vertonen und aufzuführen. 

Danke dafür.

Setlist

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