Prog-Metal Olymp – Fates Warnig im Berliner BiNuu

fates warning - live in Berlin

Smartapp vs. Mensch:

Dieses Google Maps ist manchmal echt schwer zu verstehen. Obschon sich auf der A12 an diesem Pfingstmontagnachmittag der Verkehr in Richtung Berlin wegen einer Baustelle so erheblich staut, dass die Fahrzeit um locker eine Dreiviertel- bis Stunde steigt, bleibt es dabei, mich in eben diesen Stau zu schicken. Das mache ich freilich nicht mit, und beschließe, mich südlich dieser Bundesautobahn über Landstraßen zur A13 durchzuschlagen; Hauptsache ich rolle, ist meine mir eben ausgegebene Devise.

Das klappt auch ganz gut, und ich müsste nun fast die A13 erreichen, als ich aufgrund einer Durchfahrtssperrung von Storkow auf der nun zu fahrenden Umleitung etwas die Orientierung verliere. Ach, da is‘ ja schon die Autobahn, na klappt ja. Klappt nicht, ich fahre bereits die Auffahrt hinauf, als ich erstaunt ein „A12“ Schild lese…nee, oder? Noch 200 Meter und ich stehe im Stau. Geil!

Eigenartigerweise erkennt nun auch „Maps“, dass das irgendwie scheiße ist, und regt an, die Bahn an der nächsten Ausfahrt wieder zu verlassen, was ich nach einer Viertelstunde im Schneckentempo auch mache. Jetzt wird es langsam eng, denn ich weiß nicht, ob bei Fates Warning eine Vorband geplant ist, im Netz fand ich jedenfalls keine Info dazu. Ich schaffe es – beim BiNuu angekommen – recht fix einen Parkplatz zu finden und laufe im Stechschritt zum Club. Sollte das Konzert pünktlich beginnen, bin ich 20 Minuten zu spät, und die ersten drei Songs wohl vorbei – die Zeit, in der ich fotografieren dürfte.

fates warning - joey vera

Vorgeplänkel:

Zu meinem Glück spielt eine Vorband, wenn auch eine – für mein Empfinden – schlechte. Ich sammle mich und habe auch recht schnell meine Ex-Bandkollegen beim Mischpult entdeckt. Die Beiden wissen nicht, dass ich hier bin, es soll eine Überraschung sein, und Sekunden später liegen wir uns in dem Armen, stoßen an und finden nun zu dritt die Band doof 😉

Keine Ahnung, wie eine Band mit belanglosem Alternative-Rock und noch belangloserem Sänger in das Vorprogramm „meiner“ Prog-Götter kommt, vermutlich durch Einkauf? Versteht mich nicht falsch, ich gehöre absolut nicht zu der Sorte „AC/DC Fan“, die jegliche Vorbands – und seien die noch so gut – mit Pisse beschmeißen, ganz im Gegenteil, aber das hier? Erstaunlicherweise bekommen die Jungs, deren Namen ich nicht kenne, von Teilen des Berliner Publikums sogar Applaus. Von uns nicht, wir wünschen uns das Ende herbei.

fates warning - joe diBiase

Umbaupause:

Ich hole mir noch ein Bier und lasse mir von meinem Gitarristen Gene erklären, warum es für Fates Warning Sinn macht Mesa/Boggie Amps zu spielen, und dass er noch nicht in Gänze hinter den oberamtlichen Sound der neuen Body Count gestiegen ist. Mit Gustl ziehe ich nochmal über die Vorband her und so vergeht die Zeit recht flux, dann kommt das Intro!

Einen Fotograben gibt es nicht und ich finde das mittlerweile überhaupt nicht mehr störend, vielmehr nutze ich derlei Räume – so vorhanden – immer weniger, bis gar nicht mehr. Klar, du musst um jedes Foto kämpfen, darauf bedacht, die Musikfans so wenig wie möglich zu stören, aber wenn man den Dreh erst einmal raus hat, können so Fotos entstehen, die in ihrer Intensität den Pendants aus dem „Graben“ meist überlegen sind, also an die Arbeit!

fates warning - frank aresti

Eineinhalb Stunden Wahnsinn:

Fates Warning beginnen mit „From The Rooftops“ ihres aktuellen Albums „Theorie Of Flight“, welcher den Fans am Anfang noch etwas Beschaulichkeit bietet. Damit ist ab Minute zwei des Songs dann Schluß, es entfalten sich die brachialen Riffs und catchy Refrains des Songs, geile Abgehnummer, guter Einstieg.

Da ich offiziell nur die ersten drei Songs fotografieren darf, muss ich – durch die dichten Reihen „tänzelnd“ – auch fotografieren, was wie beschrieben etwas mühselig ist, aber ich finde immer auch Fans mit viel Verständnis, die mir auch mal ein paar Sekunden Freiraum bieten. Mit dem dritten Song „One“ gibt es – ich weiß gar nicht, wie ich das überhaupt beschreiben soll – einen Song der 2000er „Disconnected“ Scheibe, welcher einerseits ein Nackenbrecher ist, andererseits aber eben diese unglaublich melodiösen Gesangsparts bietet; Ich drehe fast durch und mache nebenher Fotos meiner Lieblingsband!

Ich ziehe mich nun zurück und geselle mich neben meine Freunde, die gebannt-koppnickend Richtung Bühne starren, Verzückung, wo man hinsieht, nach jedem Song wird die Band gefeiert. Die Wegbereiter des Progressive Metal geben einen gelungenen Querschnitt der Ära ab 1987 – also der Zeit, seit welcher Ray Alder die Songs mit seinem Gesang veredelt. Gegen Mitte des Sets setzt die Band mit „The Light And Shade Of Things“ zu meinem derzeitigem „Übersong“ an. In den nächsten 10 Minuten des Songs stehe ich halblinks vor der Bühne, headbange – gerade so, dass meine Mütze nicht weg fliegt – mache ab und an ein Foto aus der vierten, fünften Reihe, bange, hab dann die Augen geschlossen, genieße dieses Wahnsinnslied und öffne die Augen wieder rechtzeitig, als Jim Matheos im zweiten Teil des Songs diese Wahnsinnsmelodien auf der Gitarre spielt, die mich seit Wochen an den Rand des – öhm – Wahnsinns treiben!!! Ich bin echt glücklich, krass was Musik – Live-Musik – in einem hervorrufen kann.

fates warning - jim matheos

Kurze Pause, Matheos holt seine Akustik Gitarre raus, es gibt zum Runterkommen „IX“ von der „A Pleasant Shade of Gray“ gefolgt vom hochtechnischem „XI“ vom gleichem Album. Die nun folgenden Songs sind Klassiker aus der Ära zwischen `88 bis `97 von der „No Exit“ bis „Parallels“ die Bude kocht, die Band grinst nach jedem Song ins Publikum. Es ertönen „Point Of View“ (was für ein Song!) und das Konzert des Jahres endet mit „Monument“ von der „Inside Out“ bei welchem diese Ausnahmemusiker noch einmal alle Register ziehen… ich bin total geflasht!

Die verwegene Idee:

Während der letzten halben Stunde keimte in mir die Idee auf, ich müsse(!) die Band nach ihrem Konzert für meine Reihe „Durchgerockt“ fotografieren. Ich bin hin- und her gerissen, frage mich, wie realistisch das kleine Unterfangen ist, verwerfe das Vorhaben, lasse den Gedanken weiter in mir nagen, beschließe, es zu probieren – ich muss es zumindest probieren, will ich mir nicht ewig Vorwürfe machen, es nicht probiert zu haben.

Die Amps verstummen, die Musiker legen ihre Instrumente ab. Ich husche durch die eher offene Absperrung seitlich an die Bühne und frage einen bärtigen Typen, der aussieht als wäre er der Stagemanager, ob er der Stagemanger sei, er nickt zustimmend. „Oh, uhm, sorry for disturbing you, maybe is it possible…laber…laber…“ Die Antwort fällt denkbar kurz aus: „Nope“ „Hm, I really need just ten seconds…“ „No“ Der Markt ist eröffnet, ich also: „Just five seconds?“ „Absolutely no“ und fährt fort: „This is not my decision”.

fates warning - ray alder

Gut, wenn das so ist, frage ich jemand anderen. In diesem Moment kommt Bassist Joey Vera von der Bühne, ich fasse mir ein Herz und frage kurzerhand ihn. Er sieht mich freundlich an, lässt mich ausreden und zeigt dann auf sein In Ear-System “…Sorry, I can’t hear you, please ask me later, in five minutes or so…” Okay, gut, ich warte also, leicht ungläubig vom Stagemanager beäugt mit der Kamera in der Hand, fünf Minuten…und die sind lang 😉

Ich gehe in die Offensive und frage nach fünf Minuten die beiden deutschen Stagehands, die gerade das FW Banner zusammenlegen, ob sie mir hier mal helfen können. Die beiden sind sehr freundlich und einer geht nun durch die Tür nach hinten, oben, unten(?), kommt zurück und sagt, ich möchte bitte warten, es kommt jemand. Danke! Nach einer kurzen Weile kommt eine junge Frau, die hier im Bi Nuu die Veranstaltungen managt und fragt nach meinem Begehr, sie will mir dabei helfen und verschwindet wieder, um hernach Bescheid zu geben, es komme gleich der Tourmanager, welcher mich hier abholt. Mein Herz rast nun, sollte ich es tatsächlich schaffen?

Der überaus freundliche Tourmanager, dessen Name mir leider ob der Aufregung entfallen ist, erscheint und geleitet mich treppab in die Katakomben des Bi Nuu, bis wir vor einer unscheinbaren Tür im tristen Kellerflur halt machen: „Dressing Room“. Scheiße, ich habe es fast geschafft. Er geht kurz rein, kommt raus und meint, die Jungs kommen sogleich raus…enjoy it, und verschwindet. Ich stehe hier also allein in diesem Flur, komme mir wie ein, auf seinen Popstar wartender, Teenager vor, checke aber dennoch die Kamera: Kurze Belichtungszeit? Sind zehn Bilder die Sekunde aktiviert, ISO-Automatik an? Ist Platz auf der Karte!!!? Ich habe nur eine Chance und die will ich nicht versemmeln. Dass das Foto ob der spärlichen Beleuchtung hier „rauschen“ wird, ist mir egal.

Dann öffnet sich die Tür, und Fates Warning kommen mir entgegen, wir begrüßen uns, ich bedanke mich für das tolle Konzert, erkläre kurz was ich hier will und schon geht es los. Die Jungs sind unheimlich zuvorkommend, müssen lachen, ob des Maschinengewehrfeuers der Kamera und meiner Bemerkung dazu „…it’s for safety“. Ich gebe noch jedem die Hand und bedanke mich für diese Minute ihrer kostbaren Zeit, sie gehen rechts zurück in ihren Dressing Room, ich links durch den Flur, öffne zwei Türen und stehe unversehens mitten im pulsierendem Nachtleben Berlins.

fates warning backstage

Wisst ihr denn alle, was ich gerade Abgefahrenes erlebt habe, schreit es in mir???? Nö, das Leben dreht sich einfach weiter 😉

Danke an Dirk vom Metal Guardian, der sich für meine Akkreditierung eingesetzt hat.

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