Die Frostfeuernächte 2020 – Teil 2

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Sonnabend

Wir haben gut geschlafen, als wir gegen halb zehn aus der Waagerechten kommen. Das Wetter draußen ist heute recht freundlich und nach einer Dusche geht es darum, die Frühstücksfrage zu klären. J. hatte einen Post mit einer Karte im Netz gesehen, die den Ort der Frühstücksverpflegung markierte, findet ihn aber in der Scrollwüste des FB Portals nicht mehr wieder… fragen wir uns eben durch.

„Joahr…da müsst ihr da vorn rum, da ist dann ein weißes Zelt und eine grüne Tür…“ Weißes Zelt, grüne Tür, weißes Zelt, grüne Tür, verdammt wo soll denn hier… Wir laufen mal dort auf, dort ab, bis uns jemand mit belegten Brötchen und Kaffee entgegenkommt. Der Typ sagt auf die Frage, wo er denn diese Dinge her hat „Na von da hinten aus‘m Backstage“ Backstage? Etwas ungläubig gehen wir also die Straße neben der Halle hinter zu den Nebengebäuden. Kein Schild draußen, keine Leute, kein weißes Zelt… Aber eine Tür, nicht grün, aber dennoch verbirgt sich hinter ihr der morgendliche „Speisesaal“, welcher des Abends als Backstage fungiert. Wir entrichten den fünf Euro Obolus pro Nase, nehmen Pappteller und bestücken sie mit Brötchen, Butter, Wurst…und den letzten beiden Löffeln Rührei. Das Prozedere ist einigermaßen umständlich zu handhaben, und während ich unsere Teller an einen freien Tisch jongliere, stellt sich J. nach Kaffee an, was eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen wird. 

Der kleine Raum, welcher als Küche umfunktioniert ist, in welchem zwei, drei Leute vom Team ihr Bestes geben, kommt naturgemäß mit viel zu kleiner Pfanne und Heizplatte schnell an seine Grenzen, was für Engpässe bei Rührei und eben auch Kaffee führt. Hier wünschte ich mir einen externen Anbieter – wie das zum Beispiel auf dem Chronical Moshers gemacht wird und super funktioniert, dabei auch eine deutlich größere Auswahl anbietend.

Mit einem Kaffee in der Hand gehen wir vor die Tür, um mal runter an den See zu gehen und uns von den Sonnenstrahlen kitzeln zu lassen. Es ist angenehm ruhig und wir lassen einen kleinen Rundgang über das waldreiche Gelände anschließen.

Um 11:55 Uhr ordern wir in der Halle das erste Bier (ich weiß das, weil ich ein Foto gemacht habe 😉 ) Als zweite Band des Tages kommen gerade Logars Diary in die Gänge. Ich kenne die Band, weil ich mit meiner damaligen Band SCRAM 2014 mal ein Konzert mit der Combo zusammen absolvierte. Meiner Erinnerung nach, hatte mich die Musik der Berliner schon damals nicht sonderlich überzeugt. Es ist eben nicht meine Mucke, dennoch findet sich eine erquickliche Zahl an Zuschauern und Fans, mir reicht gerade mein Bier zum Wohlfühlen.

…das erste Pils

Der recht geradlinige Thrash der Budapester Archaic traf unseren Geschmack darauffolgend schon deutlich mehr und stimmt uns gut auf den heutigen Abend ein, und nach kurzer Umbaupause präsentiert sich mit den Taiwanesen Bloody Tyrant 暴君 eine wahrhaft exotische Band.

Die seit 2009 aktiven Musiker haben sich im groben dem Metal/Deathmetal mit folkloristischen Einschüben verschrieben, wobei diese Folkelemente hörbar der asiatischen Kultur entstammen. Und das ist gut so! Denn niemand braucht eine Ostasiatische Band, die klingt wie eine aus dem westlichen Kulturkreis. So konnten Bloody Tyrant dann auch gute Resonanzen verzeichnen, und genossen ihren Gig – welcher mit von links durch die Fenster einfallendem Sonnenlicht sogar mystisch untermalt wurde – sichtbar.

Bloody Tyrant

Wir bleiben quasi in der Halle, holen uns Frischbier und warten gespannt auf Wandar. Die Hallenser sahen wir hier auf den Frostfeuernächten das erste mal live. Und ob schon mir ihre Musik via digitalem Streaming schon viele Stunden Vergnügen bereitet hatte und somit nicht fremd war, hat mich ihre Live-Performance so stark beeindruckt, dass Wandar zu meinem sonnabendlichen Highlight avancierten. Gerade bei den rasenden Parts wirkte das Quintett so überzeugend und aus einem Guss, wie es vermutlich nur sehr gut miteinander musizierende und kommunizierende Musiker bieten können. So komme ich nicht umhin, die sehr sympathischen Musiker zu einem Durchgerockt-Foto zu bitten und mich für die tolle Show zu bedanken.

Wandar für „Durchgerockt“

Da wir die nächste Band mal aussetzen wollen, verziehe ich mich mit J. auf ein Büchsenbier in unser Zimmer – so, wie wir das immer ganz gern machen, um unsere Eindrücke mit etwas mehr Ruhe auszutauschen. Dabei beschließen wir die Zeit zu nutzen, uns noch die aktuelle Wandar Scheibe als Vinyl zu holen und sind bei einsetzender Dämmerung wieder an der frischen Luft. Der Typ am Merchstand freut sich und lacht, dass “Paul Speckmann eine Wandar LP kauft” – ich lache mit – nur…ob ich je an die Bartlänge des Florida-Deathmetal Urgesteins herankommen werde? crying face

Die Platte verschwindet im Kofferraum und wir wollen mal schauen, ob unsere Kumpels von Maat im Backstagegebäude anzutreffen sind – da sie kurz vor ihrem Auftritt stehen. So ist es denn auch. Die Jungs legen gerade letzte Hand an ihre Schminke, und nach einem kurzem Gespräch verziehen wir uns wieder und nutzen die restlichen Minuten bis zum Gig der Berliner um uns eine Bratwurst zu organisieren – denn: es lebt der Metalfan nicht nur vom Bier allein!

Maat sind derweil beim Soundcheck, wobei einer der Gitarristen es sich nicht nehmen lässt, einen Tool Song anzustimmen – so was öffnet mir ja immer das Herz. Die Band ist dieser Tage durch einen neuen Sänger recht einschneidend neu aufgestellt, da sowohl Stimmenlage und Performance von ähhh… – tja, wie heißt er denn eigentlich – sich deutlich vom langjährigen Frontmann Thot unterscheiden.

Maat beim Soundcheck

Obschon die Band anständig gefeiert wurde, brauchte und brauche ich wohl eine gewisse Zeit, mich mit dem verändertem Gesamtsound anzufreunden, vermutlich gelingt das mit neuem Studiomaterial leichter, worauf ich nun gespannt bin. Ein Druchgerockt-Foto mit den langjährigen Freunden war natürlich unumgänglich.

So ziemlich ohne große Abwesenheit von der Bühne nimmt der Sonnabend Abend seinen Lauf.

Die Überraschung – im Sinne von „darauf war ich nun absolut nicht vorbereitet“ – der Frostfeuernächte waren für mich MOSAIC. Auf die Mucke und Darbietung selbiger galt es sich einzulassen. Konnte dieser Zugang gefunden werden, wurde die Musik der Thüringer mit jedem Song greifbarer. Mystische, eher gesprochene Parts, gingen in mit klagenden Gesang untermalten, rasenden Blackmetal über. Ein wahrhaft fesselndes Konzert, welches in Erinnerung bleiben wird.

Mosaic

Als ich Backstage zurückhaltend darauf warte, bis die Band einen Augenblick Zeit für ein Foto hat, bin ich nicht der einzige, den die Band überzeugte, so gesellt sich Deserted Fear Schlagwerker Simon neben mich um seinerseits ebenfalls – höflich wartend – für den gelungenen Gig zu danken.

Stallion erwiesen sich als der Farbtupfer im Billing der Frostfeuernächte 2020. Es ist einfach erfrischend auf den doch eher Black- Thrash- Deathmetallastigen Konzerten die wir häufig besuchen, eine Band wie die Baden-Württemberger zu sehen. Und daran, dass die Jungs ihre Musik lieben, blieb kein Zweifel, so dass das Publikum sie auch entsprechend feierte. Besonders gut hat mir auch ihr 17 Sekünder „Kill Fascists“ gefallen, ein Song mit einer eindeutigen politischen Ansage, in bester Manier und vielleicht auch als Homage an Napalm Deaths „Nazi Punks Fuck Off“ zu verstehen. Das war echt geil! 

Stallion

Auch für Stallion habe ich Aufnahmen auf Fotopapier dabei, welche beim Konzert in der Pestbaracke in Eisenhüttenstadt im Jahr 2016 entstanden. Die Jungs freuen sich sehr…und ich mich natürlich auch, darüber, dass es gefällt.

Der Hauptact des Abends kündigt sich an und die Stagecrew hat nun alle Hände voll zu tun, da bei Deserted Fear doch schon ein paar Dinge mehr aufgefahren werden. Überhaupt gilt der Crew ob nun Kabel ziehend und Drumkits oder Boxen schleppend, Bierbecher füllend oder Klopapier nachlegend und aufräumend, oder einfach nur hilfreich oder auch ordnend, an dieser Stelle eine respektvolle Erwähnung. Ich glaube, jeder Gast kann sich vorstellen, dass ohne diese fleißigen und auch versierten Helfer so eine Veranstaltung einfach nicht vorstellbar wäre.

Irsin und Chrisian unter Hochspannung bei der Arbeit 😉

Deshalb werde ich bei meiner nun geplanten Übergabe eines Umschlags mit Fotos an die Headliner pflichtbewusst und natürlich zu Recht jäh gestoppt, denn, wir erinnern uns – ich habe ja keinen Pass bekommen, der selbiges irgendwie rechtfertigen könnte. Ich darf die Fotos dennoch ganz fix überreichen und kurze Zeit später geht es auch schon los.

Vince in the hall

Deserted Fear versprühen dann so eine überschäumende Spielfreude – und zeigen dies auch mit ihrer ganz eigenen Art des (und hier absolut positiv gemeintem) „Dauergrinsens“– dass man sich den Thüringern nur schwer entziehen kann. Zu Beginn dachten wir noch: na, gucken wir halt die halbe Show, dann ist auch Zeit für den Abgang… jedoch, fesselte uns die Band dann doch bis zum Ende. Top!

Für uns endet hier der Abend, wir ziehen uns zurück und fallen alsbald in die Betten…dabei sich Ulvers neuer Song „Russian Doll“ via Spotify in unsere Gehörgänge schraubt…bis auch im Bad das Licht erlischt 😉

Dem Leser dürfte unschwer entgangen sein, dass die Frostfeuernächte eine Festivalreihe mit einem ganz besonderem Charakter sind. Die Gründe hierfür sind sicher zu einem Teil der düsteren, dunklen und kalten Jahreszeit zu zuschreiben. Diese – und die ruhige Lage in einem Wald am See, wetterfesten Unterkünften, liebevolle und vielschichtige Bandauswahl, die bereits erwähnte tolle Crew, ergeben schließlich einen einzigartigen Cocktail, der für ein bleibendes Erlebnis sorgt.     
Danke also an Felix und seine Mitstreiter und Unterstützer, die derlei Einzigartiges in der brandenburgischen, wenn nicht gar der deutschen, Konzertlandschaft ermöglichen.

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